Gar keine Frage, Battlefield 2042 wird absolut episch. Aber tut sich DICE einen Gefallen mit den Specialists, die BF zum Hero-Shooter drohen umzubauen?

Der Kampf geht in die heiße Phase: Panzerfahrzeuge stoßen im südkoreanischen Songdo auf das größte Datencenter des Geheimdienstes vor. Die Karte ist von Parks durchzogen, gläsernen Brücken und Giganten der Architektur – Wolkenkratzer schießen in den Himmel, schmiegen sich an futuristische Glasbauten. Eine Museumsinsel im Zentrum, die Stadtteile mit Brücken verbunden zu den größten Gebäuden der Stadt – dem G-Tower, dem North East Asia Trade Tower und dem Incheon Tower. Die Brücken sind taktisch wichtig, hier können Fahrzeugkolonnen durchbrechen. Was also tut ein einzelner Soldat? Er wartet bis ein gepanzertes Fahrzeug auf die Brücke fahren will, hackt sie, lässt die Stahl-Poller hochfahren, das Vehikel kracht rein – er erledigt es mit einer Rakete und ein paar Granaten von hinten.

Navin Rao kann das, weil er ein indischer Specialist ist und Ex-Elitesoldat der Marine Commando Force of India. Nachdem Indien von einem Taifun in der Geschichte von Battlefield 2042 weitestgehend zerstört wurde, dient er als Söldner den verbliebenen Weltmächten USA und Russland. Und als Hacker nutzt er seine Cyber-Warfare-Suit als Spezialfähigeit, stört feindliche Fahrzeugsysteme, deaktiviert Ranger Robot Attack Dogs sowie automatische Verteidigungsanlagen, wie Sentry Guns. Zudem kann er sich via Trojan Network in die Kampfanzüge von Gegnern hacken und so die Position seiner Kameraden anzeigen. Quasi eine Art Wallhack, auf die legale Art. DICE feiert all diese Ideen als taktische Raffinesse, sie sollen Battlefield 2042 mehr Tiefe geben. Santiago „Dozer“ Espinoza kam als Einwanderer aus Mexico in die USA, nachdem auch sein Land von politischen Unruhen zerrüttet und Taifunen stark getroffen wurde. 

Es gibt in BF 2042 keine regulären Kampfeinheiten mehr, sondern nur noch Special Forces, die etwa feindliche Fahrzeuge, Objekte und die Anzüge von Soldaten hacken können.

Er schloss sich den Special Forces an und arbeitet mit einem ballistischen Hightech-Schild namens SOB-8, welches wir nicht nur als Rammbock benutzen können, um Gegner nach hinten zu werfen, was sie zum Abschuss für unsere Kollegen freigibt. 

Sondern uns auch vor Explosionen schützt, etwa Granaten und Projektile reflektiert – besonders geübte Spieler sollen damit andere ausschalten können. Was man dabei wissen muss: Es gibt in Battlefield 2042 keine Klassen mehr, nur Specialists und jeder davon ist bis an die Zähne bewaffnet. Wer also als Espinoza ein ballistisches Schild trägt, wird nicht etwa wie in anderen Titeln auf eine Desert Eagle reduziert, sondern kann als Zweitwaffe eine MP5 oder schallgedämpfte FN Scar tragen. Und als Drittwaffe … einen Raketenwerfer. Damit holt er auf der Karte Kaleidoskop Hourglass in Katar in den edlen Apartment-Komplexen von Doha, einen MV 38 Condor aus dem Himmel. Nicht falsch verstehen: Die Karte sieht fantastisch aus, dieses Lichtspiel aus roten und gelben LEDs erinnert entfernt an jene ikonische Sniper-Szene in Shanghai aus James Bond: Skyfall. Aber sie zeigt etwas, das sich in Battlefield 2042 zum echten Problem entwickeln könnte: Jeder ist hier ein Elitesoldat, der nicht nur absurd viel kann. Sondern auch jederzeit einen Raketenwerfer auspackt.

Siehe auch: Battlefield 2042 im Preview - Vier Tage in der Beta

Wer die Geschichte verstehen will, dem sei unser Story-Special empfohlen. Battlefield 2042 spielt in einer Zeit, in der Taifune weite Teile der Welt zerstört haben. Europäer, Ägypter, Südkoreaner und Inder arbeiten daher als Söldner für die Weltmächte USA und Russland. 

Eine große Debatte ist in der Community darum entbrannt, ob Specialists passive Panzerboni haben sollten. Espinoza etwa absorbiert durch sein Schild und Ausrüstung 50 Prozent des Explosionsschadens von Granaten.

Vielleicht möchte DICE damit den Einstieg erleichtern, aber sie müssen aufpassen, dass BF 2042 nicht plötzlich in die Casual-Richtung abdriftet. Denn Battlefield war deshalb so taktisch, weil jede Klasse gewisse Dinge kann, aber dafür auf andere verzichten muss. Ein Ingenieur knackt Panzer mit Raketenwerfer, aber er hat kein Scharfschützengewehr. Ein Sniper ist extrem stark gegen Infanterie, hat aber keine Chance gegen Panzer und braucht viel Skill, um Piloten in Jets und Helikoptern zu treffen. Battlefield basierte immer auf einem Stein-Schere-Papier-System. Battlefield 2042 scheint jetzt nahezu perfekte Allrounder ermöglichen zu wollen, die alles können und keine Schwächen mehr haben. Das kann zu einigen Problemen führen…

Ein Sani, die auch gleichzeitig Sniper ist und einen Raketenwerfer mitnimmt. Plus Robo-Hund als Bodyguard. Steuert Battlefield 2042 auf ein Camper-Problem zu? 

Natürlich müssen wir das finale Spiel abwarten, aber in der Beta war jeder Spieler extrem stark. Weil es keine Klassen mehr gibt, gibt’s auch keine Schwächen mehr, Scharfschützen auch AA-Raketen gegen Jets einpacken.

Ein Sniper ist stark auf Distanz, hatte aber in Battlefield 4 nur eine schwache Waffe für den Nahkampf. Jetzt ist es kein Problem sich mit Maria Falck eine exzellente Scharfschützin zu basteln, die sich einen Robo-Hund ruft, um die Gegend zu überwachen und sich auch noch selbst auf 100 Prozent mit ihrer S21-Syringe Pistol zu heilen. Die Karten von Battlefield 2042 wachsen stark in die Höhe, was spannendes Gameplay ermöglicht. Aber auch ein Fest für Sniper ist. Und wenn man Scharfschützen derart mächtige Tools in die Hand drückt, werden sie zu Campern, die sehr, sehr nervig sein können. Eventuell kriegt DICE dieses Balance-Problem in den Griff, weil tendenziell eher weniger Munition verteilt wird und es keine Ammo-Boxen mehr gibt. Die Rolle des Munitions-Managements übernimmt jetzt auch ein Specialist. Der Italiener Constantin “Angel“ Anghel stellt als Versorgungsexperte Panzerung wieder her, repariert also Fahrzeuge. Und stellt Munition bereit. 

Espinozas Schild ist sehr groß und bietet nicht nur dem Träger, sondern auch Einheiten direkt hinter ihm vor etwa Mini-Gun-Feuer eines Helikopters Schutz.

Zudem kann er die Bonus-Panzerung spezieller Einheiten wiederherstellen, etwa von Schilden. Nun, wir wollen fair sein – DICE hat bereits viele Veränderungen aufgrund von Wünschen und Feedback der Fans angekündigt: Die UI wird verändert, Gegner sollen früher sichtbar sein, denn Russen und Amerikaner unterschieden sich in der Beta gar nicht, jetzt gibt’s unterschiedliche Kampf-Anzüge. Wiederbelebung wird schneller vonstatten gehen, auch außerhalb der Schlacht werden wir im Menü Waffen sehr viel mehr im Detail anpassen können und viele andere Dinge. DICE will aktiv mit seiner Community zusammenarbeiten, dennoch müssen wir die Frage stellen: Riskieren die Schweden hier die DNA ihrer Serie? Waffen lassen sich balancieren, auch Specialists lassen sich “nerfen“, also abschwächen. Aber die Grundidee der Specialists wird zu vielen Probleme führen. 

Battlefield 2042 hat diese fantastischen Wettereffekte wie Stürme, die die Sicht nehmen. Hier dürfte der Röntgenscan von Jil-Soo Paik extrem stark, vielleicht sogar unfair stark, sein.

Das hier ist natürlich noch nicht der Test zu Battlefield 2042, dennoch ist es wichtig darüber zu reden. Denn DICE sagt, sie wollen mit den Specialists mehr Teamplay fördern, aber Teamplay basiert darauf, dass wir die anderen brauchen – wir haben Stärken, mit denen wir anderen helfen können. Wir haben Schwächen, die wir ausgleichen müssen. Ein Sniper ist gut gegen Infanterie, braucht aber den Ingenieur, um Panzer zu knacken. Kann der Scharfschütze jetzt quasi alles, braucht es immer weniger Teamplay. Specialists können sehr gut in Hazard Zone funktionieren, aber im Conquest-Modus halten wir das für schwierig. Denken wir darüber nach, wie wir uns als Spieler fühlen, wenn uns der indische Elite-Cyber-Soldat Navin Rao enttarnt über sein Trojan Network, weil er sich in das System eines gefallenen Kameraden eingehackt hat, dann fühlt sich das falsch an – insbesondere, wenn uns das Spiel darüber nicht informiert. 

Der wohl extremste Specialist dürfte Jil-Soo Paik sein: südkoreanische Armee und Technik-Ass, die einen X-Ray-Scanner gebaut hat – dieser zeigt Gegner in dicken roten Linien hinter allen Mauern an. Nun kann es sein, dass DICE diese sehr mächtige Waffe nur sehr selten verfügbar macht, aber braucht Battlefield 2042 einen legalen Wallhack? Es ist doch schade, wenn ein Squad einen Hinterhalt legt, man mit seinen Freunden überlegt, wie man sich taktisch positioniert und dann wird die Strategie auseinandergenommen, nur weil das andere Squad diese asiatische Hackerin dabei haben, die unser Röntgenbild erkennen kann – durch dicken Stahl von Schiffscontainern. Auf der Karte Discarded, die in Alang in Indien spielt. Weil der Meeresspiegel gestiegen ist, wurden riesige Schiffswracks in eine Art Industriekomplex gespült, mit der Colossus im Zentrum – einem gigantischen Frachtschiff, welches eine Nuklearanlage im Herzen trägt und dessen Tore via Levelution mit derart viel Kraft auf die Erde krachen, dass sie Soldaten erschlagen können. 

Der Wingsuit ist cool, aber die vielen, vielen Specialists machen Battlefield 2042 deutlich schwerer zu lesen 

Der Wingsuit ist richtig cool, damit dürften die Spieler die wildesten Manöver und Battlefield-Moments krieren. Andere Gadgets machen uns hingegen Sorgen.

Gar keine Frage: Der Wingsuit der Französin Rosier ist klasse: Raus aus dem Heli, Wingsuit aufgespannt, rein ins Gebäude geflattert wie Batman und voll auf Überraschungsangriff schalten. Das macht Laune, das sind coole Gadgets. Aber mit manchen übertreibt es DICE vom Gefühl her: Es gibt zwei Specialists, die Gegnerpositionen scannen können: Der indische Cyber-Experte Navin Rao, der die Daten aus getöteten Soldaten auslesen kann. Und die sükoreanische IT-Spezialistin, die mit einem Röntgen-Scanner Einheiten sogar hinter wirklich dickem Schiffsstahl enttarnen kann. Das fühlt sich falsch an und es macht Battlefield 2042 deutlich schwerer zu lesen. Weil: Welche visuellen Informationen gibt es denn für die andere Person, die sagt: “Hey, du wurdest enttarnt, nimm die Hände in die Hand“. Battlefield ist auch ein recht flottes Spiel, sollte man hier wirklich erwarten, dass wir auf all diese unterschiedlichen Elemente achten? Hmm... 

Der Röntgen-Scan ist aktuell permanent – bewegt sich der Gegner, wandert seine dicke rote Silhouette mit ihm, egal ob er hinter einem Baum oder dickem Stahl steht.

Es ist auch ein komisches Gefühl: Wir bringen unser Squad in Position, beziehen taktische Positionen, bauen eine Situation auf, in der wir den Feind in einen Hinterhalt locken können – und die anderen wissen längst, wo wir sind, weil sie …einen Wall-Hack benutzen dürfen? Hmm. Auch Espinozas Hightech-Schild kann viele Probleme verursachen. Weil das Schild kein rein aktives Tool ist, sondern eine Art passive Fähigkeit. Er hat das Schild am Rücken, entsprechend nimmt er bei einem direkten Granatentreffer nur 50 Punkte Schaden, nicht 100. Obwohl er das Schild nicht vor sich hält, er hat es eben nur dabei, führt aber eigentlich eine MP5. Das ist ein Problem für die Lesbarkeit, weil wir eine Granate werfen, gehen davon aus, den Gegner auszuschalten, ändern unseren Fokus auf eine andere Feindgruppe – aber er überlebt kaum angekratzt, weil er diese Specialist-Panzer-Rüstung trägt. Wie ein Panzer auf zwei Beinen.

Smart-Grenades sollen mehr taktische Optionen bringen, weil wir on-the-fly zwischen Anti-Panzer/EMP & Scatter-Grenade wählen können. Alle drei finden ihr Ziel wärmesuchend.

Noch schwieriger wird das, wenn es keine visuelle Bestätigung dafür gibt, dass er gerade diese passive Fähigkeit nutzt. Oder will DICE hier mit einem Haufen Overlays arbeiten? Das HUD ist ja jetzt schon ziemlich umfangreich. Und sollte so eine Granate nicht nur dann “geblockt“ werden, wenn der Soldat es direkt vor sich hält. Hält er es vor sich und die Granate explodiert links von ihm, dann sollte es ihn nicht schützen, weil wo bleibt sonst der Skill? Battlefield 2042 hat viel von diesen Gadgets, die schwer zu kontern und lesen sind. Reden wir über Emma “Sundance“ Rosier – sie war Teil eines Verbrecher-kartells in Paris und diente in der Armée de Terre, dem französischen Heer. Sie benutzt Smart Grenades, die automatisch ihr Ziel finden – in Call of Duty: Infinite Warfare funktionierte das super, nur eben in der Kampagne. Im Singleplayer. 

Zumindest in der Beta wirkte es so, als wollte DICE uns zum perfekten Soldaten machen. Jedes Squad hat jetzt zwei Anti-Luft-Raketen dabei, zwei Anti-Panzer. Wir sind gespannt, ob das im finalen Spiel so bleibt.

Im Multiplayer ist so etwas eher schwierig, für einen Helikopter-Piloten dürfte es nahezu unmöglich sein, eine Granate aus dem Himmel zu schießen, dafür sind sie zu schnell. Diese Smart-Sprengladungen lassen sich übrigens zwischen drei Typen durchschalten: Anti-Armor, also gegen gepanzerte Fahrzeuge, EMP (etwa gegen Robot-Dogs) und Scatter Grenades, die Flächenschaden machen. Vielleicht lassen sich diese EMP-Granaten nutzen, um den X-Ray-Scanner von Jil-Soo Paik zu stören, so könnte DICE die Balance retten. Dennoch muss die Frage gestellt werden: Wie viel Battlefield bleibt noch, wenn so viele, so viel können und kaum noch Schwächen haben? 

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