Wer das Genre des Cyberpunk mag, der wird sich in Cloudpunks schrulligen Grafikstil und die großartig geschriebenen Geschichten verlieben.

Cloudpunk ist ein faszinierend ambitioniertes Spiel, das ein glaubhaftes dystopisches Universum mit seinem unverkennbaren, ja unvergleichbaren Design-Stil kombiniert. Immer wieder verlieren wir uns am Abend in seinen Labyrinthen aus Neonlichtern, die seiner Welt diesen Hauch Cyperpunk 2077 geben, sich aber doch ganz anders anfühlen. Das Spiel ist im Voxel-Grafik-Stil gerendert, was dem Ganzen einen kantigen Look verpasst, der die kräftigen, hellen Blöcke und Linien der Architektur der Stadt mit sehr hoher Präsenz und Intensität herausarbeitet. Das ist fast schon so ein bisschen wie Minecraft meets Cyberpunk 2077 und das funktioniert, auch wenn es ungewöhnlich aussieht.

Es gibt dieser Mega-City namens Nivalis eine brutale Künstlichkeit, die schön in das Cyberpunk-Thema passt. Der ständige Regen und das Rauschen unheimlicher Werbespots mischen sich mit einem verträumten Synth-Vaporwave-Soundtrack und schaffen eine Atmosphäre, die die Charakteristik von Blade Runner 2049 mit der Tiefe der großartigen Welt von CD Projekts Night City verheiratet. Das Layout erinnert in seinen Grundzügen an die ersten Grand Theft Autos, jene in 2D, die man aus der Iso-Perspektive erlebte. Auch hier besteht die City aus verschiedenen Vierteln, die über eine Art Highway in der Luft verbunden sind, so wie wir das zum Beispiel in Das Fünfte Element mit Bruce Willis gesehen haben. Und genau wie in Cyberpunks Night City hat jedes Viertel seinen ganz eigenen Stil – mal amerikanisch, mal japanisch, mal mehr an Singapur erinnernd, mal eher an den Prunk von Dubai angelehnt.

Cloudpunk verschiebt so ein bisschen, wie man Gameplay definieren würde: Eigentlich ist es ein Walking-Simulator, der aber viele Entscheidungsmomente, Erkundung und Dialoge mit dem Fliegen durch eine Mega-Metropole verbindet.

Die Hollows hingegen sind düster, verschmutzt, hier leben diejenigen, die von der Gesellschaft förmlich ausgesondert wurden in der Brutalität und Armut eines Slums. Auf den ersten Blick wirkt es mehr wie Death Stranding, also ein DHL-Simulator auf Drogen. Hat aber enorm viele kleine Geschichten zu erzählen, die nach und nach die kühle Konzernwelt, Gier und Korruption enthüllen oder auch ganz einfach von Sex-Problemen in der Beziehung von Androiden erzählen. Es ist ein gesellschaftskritisches Spiel, welches uns gerne mal den Spiegel vorhält. Denn Egoismus ist unserer Gesellschaft auch ein verbreitetes Phänomen – man denkt meist zuerst an sich, dann an die anderen oder?

Eine Kurierin, die alles transportiert, aber nie weiß, was genau

Klare Sache, die Voxel-Grafik muss man mögen. Sie wirkt sehr blockig, so wie ein Spiel von vor 20, 30 Jahren. Hat aber ihren sehr eigenen Charme.

Cloudpunk ist auch so richtig schön indie, sehr eigen, sehr schrullig, sehr merkwürdig in gewissen Facetten, aber genau deshalb liebenswert. Es erzählt die Geschichte von Rania, einer Kurierin für den titelgebenden Cloudpunk – einem Lieferservice, der sich innerhalb der vertikal gebauten Stadtgrenzen von Nivalis an der Grenze der Legalität bewegt, denn er transportiert alles und fragt nicht, was sich in der Code-gesicherten Stahlbox befindet. Es ist ihre erste Nacht im Job, in der sie ihren HOVA, eine Art Hovercraft in einer Stadt fährt, von der sie mittlerweile eher enttäuscht ist.

Sie hatte sich hier ein tolles Leben erhofft als Landei, doch alles ist kühl, rau und verregnet. Ihre Lieferungen führen sie von einem Ende der Stadt zum anderen und zu allen zwielichtigen Orten dazwischen. Dabei trifft sie auf eine bunte Schar von Charakteren aus allen Gesellschaftsschichten – ob Mensch, ob Maschine, ob ein Mix irgendwo dazwischen. Was die Macher von Ion Lads zudem wirklich meisterhaft schaffen, ist, uns immer wieder hinters Licht zu führen – wir erwarten Dramatik, weil Videospiele uns dazu trainiert haben, gewisse Sound-Pieces damit zu verbinden, etwa das Aufspielen eines Klaviers oder einer Geige – erleben aber Alltag.

Man muss sich bei Cloudpunk darauf einlassen, dass alles sehr indie ist, dieses Spiel wurde nur von acht Leuten entwickelt, die nicht zwingend Experten sind, was Flugverhalten angeht – was man vor allem auch an dem ruppigen HOVA merkt.

In einem anderen Auftrag erwarten wir eine klassische „Bring-das-dorthin-und-Tschüss“-Quest und erleben stattdessen soziale Spannungen zwischen einem Androiden-Pärchen, die gerade feststellen, dass sie ja gar keinen richtigen Sex zur Fortpflanzung betreiben können und darüber ziemlich traurig sind. Als Riva bringen wir etwas, was dabei helfen soll, aber auch das endet im Chaos. An anderer Stelle transportieren wir etwas, das piept und eine Bombe sein könnte, Rania macht sich Sorgen – die Auflösung ist aber eher skurril und treibt uns einen dicken Schmunzler auf die Lippen.

Psycho-Probleme von Androiden, Bio-Augmentation: Die Story hat Tiefgang

Cloudpunk spielt mit der Idee von Egoismus vs. Altruismus. Wir können den Armen helfen, schwächen dadurch aber mitunter unseren eigenen Status innerhalb der Firma.

Cloudpunk bietet keinen Kampf, es ist mehr eine Art Point-and-Click-Adventure, in dem wir uns einfach treiben lassen und mitunter großartig geschriebene, aber auch herrlich krude Mini-Geschichten erleben: Über idiosynkratische KIs, die auf einen bestimmten Stoff hart reagieren und dadurch Fehler produzieren. Oder bizarre Drogen, die noch bizarrere Trips erlauben. Cloudpunk hat das alles und noch einiges mehr. Nivalis ist eine für das Genre typische hyperkapitalistische Höllenlandschaft, die von Megakonzernen mit chromblitzender Faust regiert wird. Cloudpunk trifft all diese Töne, die Cyberpunk als Genre groß und spannend machen, ohne zu sehr in Klischees abzudriften. Es ist auch ein Spiel, was sich über genau diese Klischees gerne lustig macht. Einer der coolsten Charaktere ist etwa ein Androide, der ausschließlich im Detective-Noir-Stil spricht – so wie wir das aus Sin City kennen, etwa. Oder aus den Romanen von James M. Cain, wie Double Indemnitiy oder Serenade. Es hat diesen rauchigen Vibe der 50er-Jahre Filmindustrie, was großartig ist.

Cloudpunk erinnert von seiner Story der Großkonzerne oft an Cyberpunk 2077 und schafft es trotz der sehr reduzierten Grafik, unglaublich viel Atmosphäre aufkommen zu lassen.

Und Cloudpunk eben wieder ein bisschen einzigartig macht. Was uns aber am besten gefällt: Jede Schauspielerin und jeder Synchronsprecher ist gut gewählt, das ist einfach eine enorm stimmige Welt, die wir in unserem eigenen Tempo erleben. Es ist kein aufgeregtes Spiel, sondern eher eine Erfahrung. Wir können etwa jederzeit von unserem HOVA absteigen und die Stadt zu Fuß erkunden, Sehenswürdigkeiten, Geräusche und Geschmäcker von Nivalis genießen wie ein Tourist das machen würde. Wir können mit Händlern reden, Essen kaufen, sogar unsere eigene Wohnung besuchen und dekorieren, was eine ganze Reihe an Tools bereithält – quasi eine Art Mini-Sims-5. Wir verdienen Credits, die wir in kosmetische Gegenstände investieren, aber auch für Benzin und Fahrzeugreparaturen ausgeben, denn unser HOVA ist nicht gerade von der luxuriösen Art, sondern eher eine Schrottkiste, die ständig Probleme macht. Das transformiert das Gefährt in eine Art eigener Charakter, was ebenfalls charmant gelöst ist. Mit dem neuen DLC City of Ghosts gesellen sich jetzt aber auch richtige Luxus-Boliden hinzu, so wie wir das aus Cyberpunk 2077 kennen.

Es gibt keine Kämpfe, aber es gibt Gewalt

Ion Lads entwickeln das Spiel ständig weiter, gerade erst wurde ein Cockpit-Modus eingebaut, in dem Scheibenwischer dem ständigen Regen bekämpfen und wir eine Art GPS-Karte zur Navigation direkt im HOVA haben.

Cloudpunk lebt von seiner düsteren Atmosphäre, irgendwo zwischen Judge Dredd, Blade Runner und Cyberpunk 2077. Es gibt keine Kämpfe, die wir physisch ausführen könnten. Unsere Kurierin ist wirklich nur eine Kurierin, keine Untercover-Agentin oder ähnliches und fürchtet sich eher, als dass sie heroisch auftreten würde. Denn Gewalt gibt es hier häufig: Es ist hauptsächlich die systemische Gewalt, die von Mega-Corporations, korrupten Cops und Schuldeneintreibern ausgeübt wird. Genau damit spielt Cloudpunk, weil wir immer wieder Entscheidungen treffen müssen. Rania selbst fällt es schwer, auch wenn wir uns darum sichtlich bemühen, aus dieser ganzen Nummer rauszukommen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen, wie man so schön sagt.

Einige dieser Entscheidungen sind moralisch ziemlich bedenklich, weil wir oft zwischen Aufstieg in der Firma, einem möglicherweise besseren Leben und dem, was eigentlich richtig wäre, entscheiden müssen. Egoismus vs. Altruismus ist ein großes Thema des Spiels. Es geht damit auf natürliche Weise um und stellt uns einen Spiegel vor die Nase: Würden wir im echten Leben immer im Sinne der Anderen entscheiden oder doch eher unser eigenes Wohl und sozialen Aufstieg forcieren? Smart an diesem Gamedesign ist, dass uns Ion Lands nicht speichern lassen. Wir müssen mit unseren Entscheidungen leben. Und ganz wie in Cyberpunk 2077 können wir die Stadt nicht retten, aber zumindest das Leben einiger etwas erträglicher machen. Zu Grunde brennen können wir sie allerdings auch nicht, so wie das ein gewisser Keanu Reeves ja so gerne machen würde…

Cloudpunk ist sicherlich das schrulligste, merkwürdigste Spiel im Cyberpunk-Genre, schon ob seines Voxel-Stils. Aber genau deshalb so liebenswürdig.

Fazit: Cloudpunk ist ein fast schon therapeutisches Cyberpunk-Erlebnis

Vielleicht ist es die Pandemie, diese merkwürdige Zeit, in der wir unser normales Leben nicht genießen dürfen, die dazu führten, dass ich Cloudpunk anders spielte, als viele ähnliche Titel. Statt Quests und dem Plot nachzujagen, ließ ich mich viel mehr treiben und erwischte mich gar dabei, die Taste zu drücken, die Rania langsamer laufen lässt. Das macht das Spiel zu einer Art Spaziergang durch eine raue, aber faszinierende Welt irgendwo zwischen Cyberpunk 2077, Judge Dredd und den abgefahrenen Charakteren von Das Fünfte Element. Die Fortbewegung zu Fuß war leicht und fühlte sich an, als würde ich durch einen traumähnlichen Zustand reisen. Ich spreche mit Verkäufern, die über immer höhere Steuern klagen oder gar
Schutzgeldbetrug, wo ich mitunter helfen kann – als Kurier habe ich schließlich Connections. In Cloudpunk sind meine Entscheidungen wichtig für die Evolution der Geschichte: Ich bin zwar kein Held, der die Stadt rettet. Aber in diesen Mini-Geschichten kann ich oft helfen, mal einfach nur zuhören, mal aktiv eingreifen. Die Kamera ist mitunter etwas zickig, aber ansonsten muss ich sagen – das hier sollte man mal erlebt haben für relativ schmale 25 Euro.

Pro:

  • Stark geschriebene Mini-Geschichten

  • Bladerunner-Atmosphäre in Voxel-Grafik

  • Systemkritisch, ohne Klischee-beladen zu wirken

  • Interessanter Cockpit-Modus, der das gesamte HUD ins Fahrzeug transferiert

Contra:

  • Spielerisch sehr gleichförmig und eher wenig Abwechslung - es ist Death Stranding auf die Indie-Art, könnte man sagen

  • Mitunter ist nicht ganz klar, was ursprünglich als wichtig erachtete Entscheidungen für Auswirkungen haben

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