Ein mutiges und spannendes Konzept: Disintegration mixt Titanfall mit einem Taktik-Shooter, in dem wir vier Soldaten und Mechs kommandieren.

Das ist mal ein frisches Konzept: Der Halo-Schöpfer Marcus Letho verfrachtet die gute, alte Bungie-DNA im Stil eines Halo: Infinite in ein Sci-Fi-Setting, in dem wir einen schwer gepanzerten, fliegenden Mech namens Gravcycle steuern und gleichzeitig Bodentruppen Ziele zuweisen. So planen wir Flankenmanöver, Fallen, Überraschungsangriffe oder legen einfach nur Sperrfeuer. Das erinnert entfernt an eine Reihe, die mal unsere große Liebe war: Brothers in Arms von Gearbox Software.
Das Ziel von Lethos Studio V1 Interactive: Das Shooter-Gefühl von Halo nehmen und mit starken taktischen Komponenten vermengen. Getaucht in ein Universum, das einen Touch Elysium - dem sozialkritischen Hollywood-Blockbuster von Neil Blomkamp mit Jason Bourne höchstpersönlich in der Form von Matt Damon – hat. Die Disintegration-Geschichte spielt 150 Jahre in der Zukunft: Überbevölkerung, Klimawandel, Nahrungsmittelknappheit und, ja, auch eine globale Pandemie bedrohen die Menschheit.

Um zu überleben, entwickeln Wissenschaftler eine Möglichkeit, das menschliche Gehirn zu entfernen und – in einem als Integration bekannten Prozess – chirurgisch in einen Roboterkörper zu implantieren. Das sollte eigentlich nur eine vorübergehende Lösung sein, doch ganz ähnlich wie in Cyberpunk 2077 verlieben sich einige Menschen in die übermenschlichen Fähigkeiten, die die Robotik mitbringt. Sie bilden die Fraktion der Rayonne, die sich als Übermenschen sehen. Sie glauben, sie könnten die Probleme des Planeten besser lösen als gewöhnliche Sterbliche – wer sich ihnen widersetzt, wird gejagt, was zu einem Krieg führt, in den wir als ehemaliger Racing-Pilot Romer Shoal hineingezogen werden, der durch eine TV-Show im Stil eines futuristischen Top Gear berühmt wurde. 

Quasi Titanfall 3 mit Echtzeitstrategie-Elementen

Wir steuern ein Gravcycle, eine Art schwer bewaffnetes Hover-Bike, welches sich nicht mit unterschiedlichen Raketenarten, Miniguns und Mörsergeschützen ausstatten lässt.

© V1 Interactive

Disintegration erinnert stark an Titanfall, weil wir einen Gravcycle steuern – eine Art schwer bewaffneten Hover-Tank. Wir fliegen also mehr, als das wir laufen, allerdings relativ langsam. So ein Gravcycle bewegt sich eher schwerfällig, dafür können wir die Höhe variieren, um größere Teile der Karte einzusehen. Wir fühlen uns mächtig wie in Respawns spielbarem Transformers-Shooter, gleichzeitig kommandieren wir eine Kommandoeinheit aus Infanterie-Spezialisten, die jeder unterschiedliche Aufgaben und Spezialfähigkeiten haben: Scharfschützen, MG-Teams, Raketenwerfer-Einheiten. Aus dem Gravcycle lassen wir Raketen, Mörser und Lasergeschosse auf den Feind niederregnen, was sich sehr gut und immersiv anfühlt, weil wir aus der Ego-Perspektive genau sehen wie unsere Roboterhand diverse riesige Waffenplattformen bedient. Müssen aber deutlich mehr taktisches Gespür mitbringen als bei etwa einem Titanfall, weil es eine Herausforderung ist nicht nur die Ego-Shooter-Komponente zu meistern, sondern auch seine Teams effizient einzusetzen. Die eine Einheit kann etwa ein Stasisfeld aktivieren, was den Gegner verlangsamt. Klare Sache: Den Geschwindigkeitsverlust nutzen wir als Mech-Pilot aus und feuern aus allen Rohren. 

Kann das wirklich funktionieren? Ja, weil wir die Infanterie nicht babysitten müssen

Die taktische Komponente greift, weil wir großen Wellen von Gegnern ausgesetzt sind. Das nimmt mitunter durchaus Destiny-Züge an, es ergibt daher Sinn, Sniper auf erhöhter Position zu platzieren, MG-Teams aufzustellen und insgesamt die Rolle des Zugführers einzunehmen, der aus erhöhter, sehr gut geschützter Position agiert. Unseren Gravycle zu zerstören ist natürlich möglich, aber die Bodentruppen beißen viel schneller ins Gras. Natürlich wird das eine große Balance-Aufgabe für Lethos Team werden, damit sich die Jungs nicht als Belastung anfühlen, aber bislang erleben wir diese durchaus als Bereicherung. Wir postieren etwa Truppen in bestimmten Arealen, lassen den Feind das Feuer auf sie konzentrieren und räumen dann von hinten auf. Oder machen es umgekehrt, wo wir das Hauptfeuer auf uns lenken und unsere Stealth-Teams von hinten anrücken lassen. Spannend dabei: In einem CS:GO-ähnlichen Modus, wo das Angreiferteam eine Bombe ins Territorium des anderen im Multiplayer bringen muss, darf diese Bombe nur von der Infanterie getragen werden – wir können die Jungs also nicht einfach zurücklassen und Chef-mäßig aufräumen. 

So funktioniert es: Bodentruppen folgen ungefähr unserem Fadenkreuz, wir können ihnen aber auch spezifische Ziele zuweisen und ballern aus unserem Hover-Bike.

Ja, das ist ganz schön viel auf einmal, und auch wir mussten uns erstmal einspielen, aber V1 Interactive gelingt es, all diese komplexen Elemente erstaunlich elegant zu verheiraten. Das fühlt sich wirklich gut an und steuert sich sehr viel intuitiver, als die Gameplay-Clips in diesem Artikel glauben lassen würden. Das sieht im Video alles viel chaotischer aus, als es sich spielt. Das dürfte auch der Grund sein, warum sich Disintegration eher langsamer anfühlt als etwa ein Titanfall, weil das Werk uns sanft dazu zwingen will, vorsichtig, bedacht und letztlich taktisch vorzugehen. Brillanter Design-Kniff hier: Unsere Bodentruppen folgen immer ungefähr unserem Fadenkreuz – wollen wir sie gerade nicht aktiv steuern, kämpfen sie auch autonom, wir müssen die Infanterie also nicht babysitten. Echte Bauchschmerzen haben wir mit der Grafik: Rein technisch kann Disintegration nicht mal im Ansatz mit dem aktuellem Shooter-Standard mithalten, hier sollte V1 Interactive seinen größten Fokus setzen und brutal Gas geben. Als Minimum muss das Team die grafische Qualität von Titanfall 2 erreichen, um eine Chance im Markt zu haben. 

9 Gravcycle-Crews: Von den Samurai-Ronins bis zu iRobot-Artisten

Der Mann, der den MasterChief designt hat, arbeitet hier mit abgefahrenen Figuren, wie diesem Samurai-Robots.

Anlog zu den Titans in Titanfall gibt es zudem unterschiedliche Gravcycle-Crews. Etwa die Last Ronin – Robo-Samurais, die mit einem sogenannten Medium-Chassis Gravcycle operieren. Das bietet eine gute Mischung aus Panzerung, Beweglichkeit und Geschwindigkeit.

Die Gravcycle sind in drei Panzerungsklassen eingeteilt, also entweder schwerfällig und extrem feuerstark oder leichtfüßig, dafür verwundbarer. Die Hauptwaffe der Ronin ist eine Minigun, die Zweitwaffe wärmesuchende Yumi-Raketen. Spannend hierbei: Eine Crew besteht nicht nur aus dem Piloten des Gravcycle, sondern auch den Bodentruppen – die Ronin etwa haben eine Art Samurai-Mech und zwei Warriors, die Blendgranaten einsetzen. Andere Crews wie die Tech Noir haben ein komplett anderes Design, hier etwa Weiß-Rot und auch ganz andere Bewaffnung: Ihre Hauptwaffe ist die halbautomatische NG-6 Marksman Cannon, die als Schnellfeuer-Scharfschützengewehr mit großer Genauigkeit über große Entfernungen fungiert.

Wird spannend zu sehen sein, wie Disintegration seine skurrilen Fraktionen wie diese Ritter, die in Mechs kämpfen, in seine Story integriert.

Interessant: Waffenmodule und Infanterie müssen nicht zwingend auf Offensive ausgerichtet sein. Die Zweitwaffe ist ein NRD-Reparaturprojektil – ein Dart, der befreundete Gravycles und deren Bodeneinheiten heilt. Die Infanterie ist dafür recht stark auf Krawall gebürstet: Langstrecken-Suchraketen sorgen für hohen Explosionsschaden und die Disruptor-Drohne kann die Waffen anderer Gravcycle für kurze Zeit deaktivieren, was sich herrlich taktisch einsetzen lässt. Das alles harmonieren zu lassen, ist schon eine Herausforderung – Disintegration richtet sich klar an Profis. Aber es ist auch faszinierend, wie im Multiplayer die unterschiedlichen Crews sich bereichern können. Da gibt’s dann das Team, was an der Front kämpft, eines, das die anderen heilt, Support-Einheiten oder Artillerie-Gravcycles, die sich im Hintergrund halten und von den anderen geschützt werden müssen. Es ist ein riskantes Konzept, aber es macht verdammt viel Spaß, weil der Halo-Erfinder und sein Team aus Veteranen ein sehr intuitives Kontroll-Interface entwickelt haben, mit dem wir alles relativ einfach steuern können. 

10 Stunden Kampagne im Halo-Stil

Halo ist natürlich in erster Linie berühmt für seinen MasterChief, denn Marcus Letho erdacht hat. Entsprechend gespannt sind wir, was für ikonische Charaktere er in Disintegration auf uns loslassen wird. Viel wissen wir noch nicht über die Story, nur so viel, dass unser Protagonist Romer Shoal ursprünglich unter Black Shuck gedient hat, einem Commander der Rayonne-Armee. Romer teilt jedoch dessen extreme Tendenzen nicht und sie entwickeln sich zu Feinden, weil Romer selbst zu den Freidenkern zählt, die möglichst natürlich bleiben wollen, während sein ehemaliger Kumpel an den Posthumanismus glaubt und für eine Welt kämpft, in der die KI unser Denken ersetzt. Was nicht völlig abwegig ist, schließlich waren es die Menschen, die den Planeten zerstört und durch ihre Gier an den Abgrund getrieben haben. Seine Truppen operieren aus riesigen Schiffen heraus, den Iron Cloud – eiserne Wolken. 

Disintegration hat das kleinste Team der Branche, die Qualität der ersten Story-Sequenzen hat uns aber qualitativ gut gefallen.

Im Laufe der Kampagne verdienen wir uns Upgrade-Chips, um unser Gravcycle zu verbessern. Und mit einem Fähigkeitsbaum unser ganzes Team, wie in einem Rollenspiel Marke Wasteland 3. Häufiger treffen wir auf große Roboter, die als Bosse dienen. Aktuell ist noch schwer abschätzbar, ob wir hier wirklich eine epische Kampagne im Halo-Stil erwarten dürfen, schließlich hat Studiochef Letho nur ein Mini-Team von 30 Leuten unter seinem Kommando. Der ständige Banter und die witzigen Dialoge zwischen den Piloten sorgen aber jetzt schon für viel Flair. Auch die Locations klingen vielversprechend: So werden wir in den Rocky Mountains kämpfen, in einer verlassenen Geisterstadt, aber auch trockenen Wüsten, in denen Rayonne-Truppen Basen für den Bau von Schiffen errichten.

Fazit

Disintegration ist das riskanteste, aber auch spannendste Shooter-Konzept des Jahres: Mal etwas völlig anderes, was sich aber bislang erstaunlich elegant anfühlt. Es ist beeindruckend, wie es den Entwicklern gelingt, das Titanfall-Konzept in ein Strategiespiel einzuwickeln und ein Schleifchen darum zu machen, indem sie ihm deutlich mehr taktische Tiefe geben. Großes Fragezeichen bleibt allerdings bei der Kampagne – bislang sieht das eher nach Titanfall (1) aus, also mehr Skirmish-Matches mit Dialogen statt großer Epik im Stil eines Halo. Da müssen wir mal abwarten.

Disintegration erscheint 2020 für PS5, Xbox Series X, PS4, Xbox One und den PC.

Siehe auch:

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