FIFA tritt seit einigen Jahren auf der Stelle, gelingt mit FIFA 22 und einer brandneuen Machine-Learning-Engine namens Hypermotion der Volleyschuss in die Zukunft? Die KI soll jetzt als Einheit, dafür stehen viel mehr Daten zur Verfügung.

FIFA ist ja so ein bisschen wie der DFB: Hatte mal seine glanzvollen Zeiten, aber die sind leider auch schon ein paar Jahre her. Wir denken zurück an die EM 2021 und fragen uns, was gewesen wäre, hätten wir unsere WM-Helden noch: Schweini, die Kampfsau, der das ganze Team permanent nach vorne gepusht hat. Mister 100 Prozent Miro Klose, der sich einfach nur bei der Ecke an den Pfosten stellen musste und das Ding war drin. Aber ach, die goldenen Zeiten scheinen vorbei, und so geht es auch FIFA: Klar, EA druckt damit Geld, 1,6 Milliarden US-Dollar hat man alleine 2020 mit Ultimate Team verdient. Aber was zählt, ist auf dem Platz und da fehlt es an Biss, an Charme, an neuen Ideen. Ja, FIFA 21 hatte manuelle Kopfbälle, aber es sind immer sehr wenige Features, die man so einträufelt. FIFA 21 war ein gutes Fußballspiel, aber es war schon sehr nah dran an FIFA 20. In FIFA 22 soll uns jetzt wieder eine neue Engine umhauen, dieses Mal aber für Machine Learning namens HyperMotion. Das soll vor allem für realistischere Laufwege im Abschluss sorgen und ein effizienteres Verschieben der Vierer-Kette.

Früher wurden die Fußballstars in einer Halle getrackt, was EA einschränkte. Jetzt ziehen sie Millionen von Datenpunkten direkt vom Platz von allen 22 Spielern.

© EA Sports

Das EA-Sports-Team in Vancouver arbeitet jetzt völlig anders, weil sie ihre Daten direkt aus 11-gegen-11-Matches ziehen, also direkt vom Platz. Nicht mehr wie beim Full-Performance-Capturing aus einer Halle, wo in der Regel nur ein oder vielleicht mal zwei Fußballer spezielle Tricks für ihre Animationen einspielten, sondern alles soll sich natürlich anfühlen. Mehr wie echter Fußball. Damit will EA vor allem eines der größten Probleme von FIFA seit vielen Generationen umspielen: Die KI unserer Team-Kollegen. Eines der größten Probleme von FIFA 21 war die Fähigkeit des Mittelfelds, speziell der defensiven Mittelfeldspieler, sich zurückfallen zu lassen und auszuhelfen. So wie eben moderner Fußball funktioniert: Der FC Bayern ist so erfolgreich, weil sie als Einheit nach hinten gehen, sich als Einheit verschieben und das bringt jetzt auch FIFA 22 – die Vierer-Kette verschiebt sehr sauber nach vorne oder hinten, das ist eine ganz andere Raumaufteilung als noch im Vorgänger.

Zweite Meinung von Youtuber DIBO:

HyperMotion soll dieses Problem lösen, indem es die 22 Feldspieler wie Kylian Mbappé, Trent Alexander-Arnold oder Eden Hazard mit sogenannten XSENS-Suits ausstattet, spezielle Anzüge mit 17 kabellosen Sensoren, die mit verstellbaren Gurten am Körper befestigt werden. Dies ermöglicht eine schnelle Bewegungserfassung mit 240 Hz, ohne die Athleten einzuschränken – sie spielen so, wie sie es im Match auch tun würden. In FIFA 22 bewegt sich das Team gefühlt mehr wie eine Einheit, sie halten ihre Formationen, fallen gemeinsam zurück. Wir sehen auch, wie zwei Spieler nebeneinander laufen, um den Ball kämpfen, sich gegenseitig versuchen, die Pille abzujagen. Beim Freistoß gehen Stürmer und Abwehrspieler gleichzeitig hoch, es ist mehr ein Drücken und Schieben, Zerren und Stoßen in der Luft – es ist physischer, man könnte sagen härter als in FIFA 21.

FIFA 21 brachte manuelle Kopfbälle, „Kinetic Air Battles“ sollen jetzt den Luftkampf physischer machen, weil man die Daten direkt aus den Matches der Stars zieht.

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„Es ist sehr viel schwieriger, im Studio zu sagen: Los, jetzt knallt mal richtig heftig aneinander beim Kopfballduell, weil so etwas darf nicht geplant sein, es muss aus dem Spiel passieren“, erklärt Gameplay Producer Sam Rivera in einem der letzten EA-Sports-Videos. „Ihnen wird direkt auffallen, dass die Spieler zwischen verschiedenen Schritten wechseln, z.B. einem kurzen Schritt und einem längeren Schritt, um richtig in die Position zu kommen, in der Sie den Ball entweder für einen Pass oder einen Schuss oder einfach nur für eine Ballkontrolle auflegen können. Das fühlt sich einfach flüssiger an, natürlicher“, erörtert der gebürtige Brasilianer. „Im echten Leben passen Fußballer ihre Kadenz an, sie schauen auf den Ball, sie positionieren ihren Körper, um ans Leder zu kommen, und das ist es, was Sie mit dieser neuen Technologie für maschinelles Lernen sehen werden.“

Wir haben die Anzahl der Animationen gegenüber FIFA 21 verdreifacht“

Hier wird es jetzt etwas theoretisch, dennoch interessant zu erwähnen: Dank der Xsens-Anzüge, die vom FIFA-22-Entwicklerteam verwendet wurden, und der Daten, die in den 11v11-Match-Capture-Sessions erfasst wurden, führte jede Ballberührung, jede Zweikampf, jeder Sprint und jedes Tackling zur größten Daten-Sammlung, die EA Sports je hatte. 8,7 Millionen Datenpunkte werden pro Frame gespeichert und dann via Machine Learning auf das Spiel angewendet. 4000 neue Animationen konnte man aus diesem 11-gegen-11-Motion-Capturing gewinnen, die Anzahl der Animationen gegenüber FIFA 21 wurden also verdreifacht. Das sind nur Zahlen, was es aber letztlich bedeutet ist, dass es viel mehr Multitouch-Animationen gibt, die letztlich der Schlüssel sein sollen: Es ermöglicht uns, den Ball in einer flüssigen Bewegung von der Brust auf den Fuß zu bringen.

Spannend: Die Vierer-Kette verschiebt sich jetzt als Einheit, die Spieler rennen nicht mehr alle wild in der Gegend herum. Die KI wirkt viel organisierter und taktischer aufgestellt.

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Mit den längeren Animationen können wir die Pille vom Oberschenkel abtropfen lassen und uns schnell vom Gegner wegdrehen. Wir sollen diese Animationen vor allem auch bei der Kontrolle von Luftbällen aka Flanken spüren: „Jedes Mal, wenn der Ball in der Luft ist oder abprallt, können Sie ihn schnell von Ihrem Oberschenkel oder Ihrer Brust nehmen und sich mit der zweiten Berührung flüssig in die Richtung drehen, in die Sie gehen wollen. Wir nennen diese Funktion komponierte Ballkontrolle, weil die Spieler diese erste Berührung viel natürlicher ausführen können“, erklärt Kantcho Doskov, FIFA Gameplay Director. „FIFA 22 ist viel intensiver“, meint auch sein Kollege Rivera. „Einfach schon deshalb, weil Spieler die Hand hochreißen, sich anbieten und beschweren, werden sie nicht in Szene gesetzt.“ Das ist in der Tat eine schöne Neuerung, wir sehen, wie sich ein Spieler bei seinem Kollegen beschwert, weil er beim Freistoß so schön frei stand, dieser aber lieber selbst draufhalten wollte.

„Diese Emotionen, wenn ein Spieler den Ball nicht bekommt, seine Mimik, Gestik und Körperspannung. Aber auch viele einzelne Aktionen, die wir vorher so nicht hätten simulieren können: Wie z.B. ein Spieler, der den Ball von einer Seite des Feldes auf die andere schiebt und diese Art von Steilpass macht, einfach die Bewegung, mit dem Fuß unter den Ball zu rutschen, das Gewicht, das die Profis dabei haben, es ist ziemlich einzigartig, diese Bewegung zu sehen und dem Leder zu folgen, wenn es durch die Luft zischt. Wir können hier auch viel Persönlichkeit von Fußballern aus ihren Daten einbauen – einige werden schneller sein, einige wuchtiger auftreten. Manche spielen eher technisch, andere mit sehr viel Körpereinsatz.“

Im Angriff haben wir jetzt sechs Mal mehr Entscheidungsmomente, die KI ist brutal intelligent“

„Jeder dieser Spieler kann jetzt bis zu sechsmal mehr Entscheidungen pro Sekunde treffen als je zuvor. So sind jetzt die Angriffsläufe viel intelligenter und auch das Aufbauspiel in der Chancenverwertung leistet die KI mehr Unterstützung und reißt aktiv Räume, was das taktische Niveau verbessert.“ Das ist in der Tat im ersten Gameplay-Footage der Fall: Während in den letzten FIFAs Stürmer gerne einfach gerade aus gesprintet sind, laufen sie jetzt Zick-Zack, suchen, finden und reißen kleine Räume, wo man reinstechen kann. Sie sind viel unbequemer, viel schwerer einzuschätzen. In der Offensivtaktik können wir jetzt zwischen Umschalt- und Aufbauspiel wechseln. Wir können also gleichzeitig auf Ballbesitz gehen, kombiniert mit schnellem Spielaufbau, was durchaus interessant ist. Oder auf lange Bälle gehen, aber langsam aufbauen. Generell gibt es etliche interessanten Neuerungen für die Offensive, wie den explosiven Sprint: eine neue Gameplay-Mechanik, die die Dynamik von Eins-gegen-Eins-Situationen verändert. Explosive Sprints geben uns mehr Kontrolle über die Beschleunigung beim Dribbeln oder Verteidigen. Wir können Gegner anlocken und dann entscheiden, ob wir sie aussteigen lassen oder mit maximalem Speed an ihnen vorbei ziehen sollen. Der explosive Sprint geht natürlich auf die Ausdauer, was man beachten sollte, aber insgesamt wird es wohl deutlich nuancierter sein als das übliche R2 durchdrücken und gib ihm.

Das Sprinten soll sich nuancierter anfühlen - wir können jetzt schneller anziehen und bei gewissen Stars explosiver durchziehen, aber kürzer als früher.

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Im Gegenzug verspricht EA eine deutlich intelligentere Verteidigung, denn letztlich müssen Offensive und Defensive ungefähr gleich stark wachsen, darf aber auch nicht zu perfekt sein. Letztlich wollen wir ja die Lücke, wo wir reinstoßen können. Steht die KI also zu kompakt, kann sich auch das Spaß-mindernd auswirken. Wir wollen ja letztlich auch viel Variabilität und Flexibilität im Spiel. Nichts ist langweiliger als nur den Sechser auszuwählen, auf situatives Pressing zu gehen und den Rest macht die KI. Hier muss man wirklich auch sagen: Es ist nicht einfach für EA Sports, weil es das Profi-Lager der Veteranen gibt, die möglichst viel selbst rausfinden wollen, experimentieren, alles selbst feinjustieren. Und es gibt die Casual-FIFA-Spieler, die möglichst schicke, schnelle Torszenen wollen, ohne sich dafür zu sehr mit der Materie beschäftigen zu müssen.

Bitte nicht auf die Trickserei von EA reinfallen: Wer die klassische Variante für 70 Euro kauft auf Xbox One oder PS4, der darf nicht kostenfrei auf Next-Gen upgraden. Wer das will, sollte planen und die Ultimate-Edition kaufen. Oder warten.

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Auch die Ballphysik erlebt ein Update, weil EA Sports eben über seinen neuen Capturing-Ansatz sehr viel mehr Daten vom Fußball selbst sammeln kann. Abgestimmte Parameter wie Geschwindigkeit, Drall, Luftwiderstand, Boden- und Rollreibung sollen laut EA Sports dafür sorgen, dass sich gerade Fallrückzieher und Volleyschüsse realistischer anfühlen sollen. Ob das wirklich der Fall ist, müssen natürlich viele Wochen an Test-Matches erst zeigen. Besonders gespannt sind wir auch angesichts der neuen Torwart-KI, denn die muss dringend besser werden: via Hyper-Motion wird diese direkt aus tausenden Matches generiert. Besonders viel Wert legt man auf die Torwart-Positionierungs-Persönlichkeit, die replizieren soll. wie sich die Keeper auch im echten Leben verhalten: ein Manuel Neuer, der gerne auch mal als Feldspieler voll ins Risiko geht und früh stört. Oder der Italiener Gianluigi Donnarumma, der coole Elfmeter-Killer der EM 2021, der Italien zum Europameister machte.

Fazit:

FIFA 22 wird super spannend, weil es ein Crash der Welten wird: Das Profi-Lager möchte nicht allzu viel Veränderung – mehr Realismus ja, viel mehr KI-Eingriff lieber nicht. Die breite Masse hingegen wünscht sich explosives Tempo und den schnellen Zug zum Tor, ohne allzu viel feinjustieren zu müssen. FIFA 22 wird sich jetzt stärker in der KI-Richtung entwickeln, HyperMotion ist genau darauf ausgelegt. Das kann richtig gut werden, etwa wenn die KI in der Offensive andere Laufwege nutzt und smarter Löcher reißt, kann aber auch ganz schön nerven. Stichwort: Auto-Block-KI. Was uns bisher wirklich gut gefällt, ist das Passspiel: Es ist viel präziser, der Ball rollt langsamer, das ist alles etwas nuancierter. Fast ein bisschen als hätte EA Sports öfter mal PES gespielt. Die Spieler fühlen sich nicht ganz so schnell an wie in FIFA 21, wo ja alles auf Speed gedreht war und die überarbeitete Ballphysik ist vom Anpfiff weg deutlich zu sehen, denn das Leder gleitet über den Rasen und hält realistisch, wenn es bei hohen Bällen mit Spin gespielt wird.

Die Art und Weise, wie sich der Ball von Stollenschuh zu Stollenschuh bewegt, das erinnert ein bisschen mehr an Konamis Kick. Auf der anderen Seite haben wir diesen Fokus auf modernen One-Touch-Fußball, bei der sich sämtliche Mannschaftsteile Ball-orientiert verschieben, dadurch die Freiräume für den Gegner verkleinern und damit die Pille zur Einleitung eines Angriffs gewinnen – Pressing ist super beliebt, gerade im deutschen Profi-Fußball. Ansonsten muss sich zeigen, was diese Machine-Learning-Engine wirklich auf den Platz bringt und ob FIFA 22 die Probleme seiner Vorgänger lösen kann: Die Torwart-KI muss besser werden, die Bugs müssen verschwinden, die Stabilität muss gewährleistet sein. Ärgerlich ist und bleibt aber, dass PC-Spieler auf all diese spannenden Next-Gen-Features verzichten müssen – HyperMotion hätte die Mindestanforderungen erhöht, so sagt EA. Nun, da können wir nur schmunzeln, die meisten unserer Leser dürften einen PC haben, der die Next-Gen-Konsolen zum Frühstück verspeist. Wer auf Next-Gen unterwegs ist, viel Spaß. PC-Spieler sollten sich nicht vereiern lassen.

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