Das extremste Auto aller Zeiten wurde geboren in Gran Turismo auf der Playstation. Jetzt schafft er es auf unsere Straßen und macht auf der Rennstrecke über 400 km/h Spitze. Auf der Autobahn sind Sie in zehn Sekunden auf 200.

Der Aston Martin Valkyrie ist ein wahrgewordener Ingenieurs-Traum von Formel-1-Legende Adrian Newey: Extrem flaches Teardrop-Gehäuse, wie in einem Kampfjet. Nichts soll das Sichtfeld stören, alles direkt erfassbar sein. Wir fühlen uns instant wie Tom Cruise in Top Gun. Es gibt Flügeltüren, aber diese beginnen erst sehr weit oben – das Monocoque schließt etwa auf mittlerer Höhe des Autos ab. Das Supercar liegt extrem tief, man geht also mit einem Fuß rein, dann dem zweiten. Drückt sich nach oben, gleitet förmlich in die Karbonschale. Das Interieur erinnert an die Formel 1, allerdings sehr, sehr viel luxuriöser. F1-Autos sind ja eher zweckmäßig sportlich, jedes Gramm könnte ein Gramm zu viel sein. Im Valkyrie gibt es hingegen alles, was das Hypercar-Herz begehrt: das Lenkrad von Max Verstappen, nur mit weniger Knöpfen, dafür Alcantara-Leder, vergoldete Kippschalter, einem OLED-Display in der Mitte als einzige Armatur.

Die neuen Besitzer werden ob eines Preises von 2,8 Millionen Euro wohl eher vor dem Nobel-Club vorfahren, gebaut ist dieses Biest aber für die Rennstrecke: 1130 PS, 402 km/h Spitze. Damit verspeisen wir jeden Lamborghini da draußen zum Frühstück. Auch weil der Valkyrie extrem leicht gebaut ist: 1030 kg, satte 400 weniger als ein Lamborghini Aventador. Gibt eigentlich nur ein Auto auf diesem Planeten, was es mit ihm aufnehmen könnte – der Bugatti Veyron geht bis 415 km/h, ist aber deutlich schwerer. Sei’s drum – die 400 km/h dürften nur wenige Käufer wirklich ausfahren, dafür sollte man schon sehr, sehr sicher auf der Rennstrecke unterwegs sein.

Die Aufhängung ist aktiv, damit die aerodynamische Plattform immer perfekt bleibt. So werden Werte erreicht, die sogar den McLaren Senna um das Doppelte schlagen.

© Aston Martin und Red Bull Advanced Technologies

Völlig ohne Frage: Der Valkyrie ist ein Traum für jeden Supercar-Enthusiasten, aber was fast noch spannender ist: Er basiert auf gleich zwei Gran-Turismo-Vision-Modellen: vom Design, inspiriert vom DP-100 Vision Gran Turismo; und von der Formel-1-Technologie auf dem Red Bull X2014 GT Sport, den Adrian Newey ebenfalls höchstpersönlich konzipiert hat: 

"Ich saß mit ein paar Freunden und einem guten Rotwein zusammen, und wir haben über die Idee eines Hypercars gescherzt, das mit einem aus der Formel 1 konkurrieren könnte"

, erzählte Auto-Papst und Gran-Turismo-Maestro Kazunori Yamauchi mal auf dem Nürburgring vor einigen Jahren. Glücklicherweise waren seine Freunde zufällig der vierfache Weltmeister Sebastian Vettel und sein technischer Leiter Adrian Newey, der beruflich Formel-1-Autos entwirft und baut. Er gilt als der König der Aerodynamik. 

„Adrian war sofort Feuer- und Flamme, es war auch sein Traum, ein Straßenauto mit Formel-1-Technologie zu entwickeln.  Der RB X2014 war ein Auto, so extrem, niemand könnte es wirklich in der Realität fahren – in unserer Simulation haben wir 8G-Kräfte gemessen. Kampfjets halten bis zu 9G aus .“ 

In der Tat erkennen wir im Valkyrie einige Elemente wieder, die schon der rein digitale Red Bull X2014 für Gran Turismo hatte - etwa das Kampfjet-artige Cockpit. Auch die Verstrebungen zu den Achsen.

© Polyphony Digital

So wurde das Konzept immer weiter verfeinert und technologisch in realisierbare Bahnen manövriert. Mit dem X2014 begann die Geschichte. Und sie endet mit dem Release des Aston Martin Valkyrie mit Straßenzulassung. Eine unglaublich spannende Mischung – Motor, Aufhängung, Monocoque: alles Adrian Newey, entworfen und gebaut von Red Bull Advanced Technologies. Doch das Design ist ganz Aston Martin, nur eben viel extremer, viel aggressiver im Auftreten.

Wir wollten den Status Quo von Hypercars brechen. Und dafür mussten wir uns im Kopf von den Limits befreien, in denen wir normalerweise denken würden, wenn wir ein Hypercar designen“

, erzählt Frazer Dunn, Chief Engineer Aston Martin Special Projects. Es gibt schließlich gute Gründe, warum Sie eine Rennfahrer-Lizenz speziell für Formel-1-Autos brauchen, um eines fahren zu dürfen. Weil man für die G-Kräfte besser trainiert sein sollte. „Nie zuvor haben wir so viel Formel-1-Technologie in eines unserer Hypercars verbaut, nie zuvor hatte eines unseres Autos so viel Abtrieb. Und waren Fliehkräfte so nahbar. Es ist ein extremes Auto, das schnellste und leichteste, das wir je gebaut haben."

900 Newtonmeter Drehmoment auf 1030 Kilo. Der Valkyrie dringt rein von der Motorleistung in Grenzbereiche ein, die wir uns kaum noch vorstellen können.

Die Karbonzelle des Chassis wird direkt bei Haus-und Hoflieferant Cosworth in Northampton gebacken. Das V12-Sauger-Herz schlägt mit bis zu 11.100 Umdrehungen pro Minute und produziert dabei 1.013 PS. Mit diesem Konzept steuert Aston Martin hart gegen den Trend – Downsizing ist ja gerade angesagt, Lamborghini hat mit dem Terzo Millenio unlängst sein erstes vollelektrisches Hypercar vorgestellt. E-Motoren dienen beim Valkyrie eher als Leistungssupport, in der Substanz geht Aston Martin in die Vollen und spendiert dem schnellsten Straßenauto, was sie je gebaut haben, einen 6,5 Liter V12 Sauger-Motor. "Das ist absolut auf Formel-1-Niveau", zeigt sich der Chefingenieur zufrieden. Aber auch sonst steht der Motor der Königsklasse in nichts nach: Der V12 erreicht seine Spitzenleistung von über 1.000 PS bei einer Drehzahl von 10.500 Umdrehungen pro Minute, das maximale Drehmoment von 740 Newtonmeter liegt bereits bei 7.000 Umdrehungen an. „Das Teil ist völlig irre. Sie schrauben gerade die Aerodynamik herunter, weil die bei 1.800 Kilogramm liegt. Die höchste Aerodynamik, die je in einem Straßenauto gemessen wurde, sind 800 Kilogramm – das war der McLaren Senna letztes Jahr“, verrät Nico Rosberg auf Youtube, der ja auch selbst mal Formel-1-Pilot war. „Das ist komplett crazy – mit Slicks macht der jetzt schon bessere Rundenzeiten als jedes F1-Auto.“

Ein Traum aus Karbon: Schon auf dem 2017er Genfer Autosalon war der Valkyrie der Mega-Star. Alleine wie aufwändig die Aerodynamik gestaltet ist, Wahnsinn.

Größte Herausforderung: Der Motor soll 100.000 Kilometer halten, bis er gewechselt wird. Er wird also fast so einer extremen Belastung ausgesetzt wie in der Formel 1, nur mit dem Unterschied, dass Formel-1-Motoren nur ein Rennen durchhalten müssen und permanent von Spitzenmechanikern überwacht werden. Die sehr gut betuchte Kundschaft für ein Auto, was 2,8 Millionen Euro kostet, hat deshalb mitunter sogar einen zweiten Motor dazu bestellt, kostet dann nochmal 500.000. Pleuel und Ventile sind aus Titanlegierung gefertigt. Das Metall ist belastbar, aber leicht – schließlich wollte Aston Martins Chefingenieur vor allem auch das leichteste Hypercar aller Zeiten bauen. Belastbar muss es natürlich auch sein: Das extreme Drehzahlniveau erreicht man mit Kolben, die mit 25 Metern pro Sekunde auf Formel 1-Niveau durch die Zylinder rasen. Normale Zylinderköpfe würden dieser Belastung nicht standhalten, da hat man sich bei den Kollegen von Airbus inspirieren lassen und Flugzeug-Aluminium verbaut.

Der Wagen fühlt sich federleicht an, obschon er so viel Abtrieb aufbaut, er lenkt knackig ein. Klar ist das mit einem Formel-1-Auto nicht ganz zu vergleichen, aber du spürst die Fliehkräfte in den Kurven gut. Ich kenne jedenfalls kein anderes Straßen-Auto, das dem Leistungsvermögen eines GP-Renners so nahe kommt.“

  • Max Verstappen, Formel-1-Pilot

Und genau weil dieses Auto von normalen, sprich untrainierten, Menschen gefahren werden soll, nutzt Aston Martin für sein Teardrop-Cockpit ein ähnliches Glas, wie es Kampfjets verwenden. Das Cockpit eines Lockheed Martin F35 besteht zum Beispiel aus 0,5 Zoll dickem Polycarbonat und wird durch Drapieren in die Form der zusammengesetzten Krümmung geformt. Die mittlere Schicht besteht aus 0,05 Zoll dickem Polyurethan, um die innere mit der äußeren Schicht zu verbinden. Kombiniert wird das Ganze mit einer 0,125 Zoll dicken Schicht aus Acryl.

Irre Liebe zum Detail: Über 3D-Druckverfahren können Kunden sogar den Scheinwerfer mit individuellen Mustern designen.

400 km/h macht das Baby Spitze. Wohl auch deshalb ist der Preis in astronomische Höhen geschossen – wer jetzt spontan seine Bitcoin-Gewinne investieren möchte, kommt aber zu spät: Die 150 Stück sind schon ausverkauft. Wenig überraschend – wenn selbst ein digitales Kunstwerk auf der Blockchain von Beeple im aktuellen NFT-Hype für 69 Millionen US-Dollar verkauft werden kann, dürften Milliardäre für dieses Auto von einem anderen Planeten auch gerne mal das große Scheckbuch zücken.

Ja, Sie dürfen mit dem Valkyrie auf die Straße, deshalb hat er auch eine Scheibenwaschanlage. Das Cockpit zeigt aber, dass der in erster Linie auf die Rennstrecke will.

© Aston Martin

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