Die größte Ikone auf Youtube: Casey Neistat lebte ein irres Leben und nahm seine 18 Millionen Fans mit auf eine Reise durch die Welt. Natürlich immer seine Sonnenbrille tragend und eine Canon 70D. Er hat quasi den amerikanischen Traum gelebt.

„Für mich war dieses tägliche Vlogging, also wirklich jeden Tag ein neues Video hochzuladen und eine neue Geschichte zu erzählen, eine wunderbare Art mich mitzuteilen. Es war fantastisch. Ich reiste um die Welt, lernte permanent spannende Menschen kennen, machte verrückte Dinge – wie auf einem Hover-Board mit US-Flagge durch den Hudson River zu cruisen oder einen Mercedes-Benz CLA beim Driften auf dem Eis in der Arktis zu crashen – sorry Mercedes“, erzählt Casey Neistat mit einem dicken Grinsen. Er ist einer der größten Youtuber aller Zeiten und sicherlich der Extravaganteste: Er flog an einem Helikopter hängend über die Hollywood Hills, um mit seinem Video „Do what you can’t“ der Elite der Filmwelt zu zeigen, dass auch Youtuber Filme-Macher sind. 14 Millionen Menschen haben das bis heute gefeiert. Wer Casey zuhört, der erlebt einen kreativen Kopf, der immer auf der Jagd ist nach der nächsten Geschichte:  

800 Episoden hat Casey Neistat an 800 Tagen hochgeladen. Jetzt macht er erstmal Pause und nimmt sich mehr Zeit für Familie und Surfen.

© Casey Neistat

„Wir haben eine Apparatur gebaut, damit mein bester Freund Jesse auf einem fliegenden Teppich durch Manhattan „fliegen“ konnte. Wir haben ein Cyberbike designt, das aussah wie von Tesla und sogar Elon Musk cool fand. Wir haben ein verlassenes Einkaufszentrum in ein Winter-Wunderland zu Weihnachten verwandelt, mit unglaublich viel künstlichem Schnee, Eisrutschbahn und Zuckerstangen, um damit Waisenkindern eine Freude zu machen, die sonst niemanden haben, mit dem sie dieses Fest feiern. Vielleicht das Beste, was ich je gemacht habe, wenn ich das so sagen darf.“ 

Casey macht gerade ein bisschen Pause in seiner neuen Heimat Los Angeles, aber die Zeit des Daily VLOG, des täglichen Video-Blogs war für ihn eine wilde, eine unfassbare produktive, aber auch eine brutal harte Zeit.“ „Ich hatte alle Energie der Welt, und ich habe das wirklich durchgezogen, worauf ich stolz bin: Über 800 Episoden habe ich nie einen Tag verpasst.“ Um das zu schaffen, musste Casey einen irren Zeitplan einhalten: 13 bis 14 Stunden Arbeit täglich, sehr, sehr wenig Schlaf. „Um 10 Uhr abends habe ich den Videoschnitt gestartet, im Optimalfall hatte ich am Tag etwas Zeit Material zu sichten. 

Schnitt bis 1 Uhr, na ja, eher 1:30 Uhr. Aufstehen um 5, Kaffee, eine Stunde Editing, dann eine Stunde E-Mails.“ Weil Casey ein absoluter Perfektionist ist, jede einzelne Szene die perfekte Musik haben und sich jeden Tag aus drei, vier Stunden Material ein Kurzfilm über acht Minuten ergeben sollte, der eine kohärente Geschichte erzählt, brauchte er zu Beginn eine Stunde pro Minute finalem Video. Als er besser wurde, konnte er das auf 30, dann 20 Minuten pro Minute Video begrenzen. 

„Anfangs war ich nicht so gut mit iMovie und brauchte sechs Stunden für ein Acht-Minuten-Video“

New York wurde zu einem Charakter, eine Stadt verrückt genug, um damit ein paar hundert Episoden zu füllen und nie langweilig zu werden.

© Casey Neistat

„Als ich angefangen habe, war ich nicht so gut mit iMovie und lernte dann Final Cut Pro, ich brauchte also extrem lange – nicht selten saß ich sechs Stunden an acht Minuten Video, was irre klingt, aber meine größte Challenge war immer, dass ich Material aus vielen unterschiedlichen Kameras hatte – meiner Canon 70D oder 5D, meiner kleinen Canon G7X, die ich abgöttisch liebe. Samsung-Smartphone, iPhone, einer Go-Pro, ein paar Drohnen. Jede Kamera hat ihre Persönlichkeit, ich kombiniere diese gerne.“ Allerdings produziert auch jede Kamera Stunden an Material, aus gut drei, vier Stunden muss Casey jeden Tag ein Best-of in acht Minuten herausfiltern. Zudem zitiert er immer wieder die Vergangenheit, benutzt Video-Material aus alten Kameras, die er auf hunderten von Terrabyte an Servern lagert. Es ist fast so, als hätte er mit 20 gewusst, dass er all dieses Material mal brauchen würde, denn jeder einzelne Tag ist chronologisch sortiert. 

Auf seinem Macbook Pro kann er nach dem 05. August 1992 suchen und er wird dazu Video-Footage finden – von einem Sony Camcorder. Es gibt wohl nicht viele Menschen, die ihr Leben so gut sortiert haben. Was viele nicht wissen: Caseys Style sieht einfach aus, er hat eine Nonchalance, eine relaxte Art, die ansteckend ist. Erfordert aber enorm viel Arbeit und Planung, weil er eine Ein-Mann-Armee ist – keine Assistenten, keine Kamera-Crew. Wo in Deutschland ein Felix von der Laden, der vermutlich am nächsten am Style von Neistat dran ist, immer zwei, drei Mann dabei hat, macht Casey alles alleine. Will er filmen, wie er eine Leiter hochklettert, dann klettert er erst die Leiter hoch, bringt dort eine Kamera an, die ihn filmt. Klettert dann mit einer Hand die Leiter hoch und jongliert mit der zweiten Hand den Controller für seine Drohne, meist die DJI Phantom 4, später die kleinere Maverick, damit diese ihn beim Hochsteigen filmt. Nur so kann er dieses 360-Grad-Gefühl erzeugen, von der Drohne, die ihn dynamisch im Kreisen um das Gebäude filmt. Und die statische Canon, die oben wartet. 

Caseys NeiMac – er ist hat die Angewohnheit seinen Namen überall drauf zu schreiben – nicht nur auf die Sonnenbrille, weil die kann man ja mal verlieren, sondern wirklich überall.

© Casey Neistat

Warum Casey kein Kamera-Team nutzt, wie die meisten großen Youtuber es mittlerweile tun? „Ich bin nicht sonderlich gut organisiert und eigentlich immer zu spät, alleine arbeite ich einfach besser.“ Und er steht letztlich auch für diesen handgemachten Stil. Auch viele Shots, die Casey relaxend in seinem Hotel-Zimmer zeigen, sind gar nicht so einfach umzusetzen – entweder mit einer Drohne, die ihn kopfüber im Bett filmt. Oder mit einer DSLR mit starkem Zoom an einem Jollypod, für die er auf einen Schrank im Hotel klettert und ihn dort anbringt. Gleiches gilt für die Timelapses, die Casey in jedem Video verwendet – den langsamen Sonnenuntergang an einem Ort filmt er mit drei Kameras gleichzeitig, über vier Stunden. Vom Hotelzimmer aus sei das kein Problem, in New York von einer Brücke ist das schon etwas schwieriger. Ob eine mehrere tausend Euro teure Kamera nach drei Stunden noch stehen würde, ist zu bezweifeln. 

„Man gewöhnt sich an alles, auch mit einer Canon 70D durch einen Flughafen zu rennen“ 

Caseys neiMac – er ist hat die Angewohnheit seinen Namen überall drauf zu schreiben – nicht nur auf die Sonnenbrille, weil die kann man ja mal verlieren, sondern wirklich überall.

© Casey Neistat

„Die technische Ebene ist kein Problem: Für mich ist es völlig selbstverständlich, erst eine Kamera im Zimmer aufzustellen und dann den Raum zu betreten – für den VLOG, keine große Sache. Ich trickse auch oft, was man mir hoffentlich nicht übelnimmt. Der Grund, warum die Shots beim Rennen immer von unten gefilmt werden ist, weil ich beim Laufen kein Stativ in der Hand halten will, eben aus Faulheitsgründen“ (er lacht). Was er wirklich als schwierig empfand, war, den Stress und mangelnden Schlaf nicht im Video zu zeigen und möglichst immer gut drauf zu sein. Stellen Sie sich mal vor, sie sind ohnehin zu spät zu Ihrem Flug, müssen aber neben einem Koffer auch noch eine Canon 5D Mark 3 mit großem Objektiv an einem Jollypod halten, während Sie durchs Terminal rennen. „Deshalb nutze ich meist die 70D, die 5D ist zwar besser, aber schwerer“. 

Auf der anderen Seite war das letztlich auch Caseys Erfolgsgeheimnis: Er hat einen Kamera-Stil entwickelt und eine Art Geschichten zu erzählen, die so immersiv, so packend, so nah dran sind. Einen sehr individuellen Stil auch, der neu war für Youtube – ohne Color-Grading, mit einer gewissen Eleganz, aber völlig ohne Perfektion. Neistats Videos sind handgemacht und wirken auch so, er verändert nicht die Farben, baut verwackelte Shots ein. Die meisten VLOGs großer Youtuber wie Felix von der Landen oder FelixBa sehen heute aus wie Hochglanz-Produktionen. Bei Casey ist alles immer sehr rough. Es ist nicht vielen Youtubern gelungen, das zu imitieren. Schon weil es wahrscheinlich keinen zweiten Menschen gibt, der mit einem Boosted Board im Affenzahn zwischen Taxis und Bussen durch New York flitzt, dabei eine schwere Spiegelreflex in der einen Hand hält (mit der er gleichzeitig den Controller bedient, der das Boosted Board beschleunigt), 

Vorteil New York: Andere Stars wie Karlie Kloss leben in der Nachbarschaft, man geht zusammen ins Fitness-Studio und kann zusammenwachsen. Ex-Victoria-Secret-Model Kloss hat 9,8 Millionen Fans auf Instagram.

© Casey Neistat

in der anderen einen Green Smoothie trinkt und währenddessen auch noch eine Drohne sich folgen lässt. „Die Leute sind immer sauer, wenn ich etwas kaputt mache. Aber ja, für mich sind das Tools, um Filme zu machen. Sie gehen kaputt, ich kaufe sie neu. Ja, ich weiß, es gibt diese Kamera-Rucksäcke, aber wie lange dauert es, daraus seine Cam zu holen? Ich schrotte sie lieber und kaufe eine neue, statt einen tollen Shot zu verpassen.“ Casey baut in jedes seiner Videos eine Timelapse ein, ein Video im Zeitraffer, was wahnsinnig aufwändig ist. Überlegen Sie mal, wie lange es normalerweise dauert, bis die Sonne untergegangen ist. Solche Shots dreht er meist mit drei Kameras – „für den Fall, dass bei einer der Fokus verrutscht oder die Batterie versagt.“  

Casey Neistat, der lebende American Dream: Vom Tellerwäscher über einen Job für US-Präsident Bill Clinton zum größten Youtube-Star der Welt 

Casey wurde ob seiner gigantischen Reichweite zur Marketing-Ikone. Die Spots funktionieren besonders gut, weil er immer das macht, was man nicht erwartet – surfen im 1000-Dollar-Anzug etwa. Oder ein Motorrad reparieren.

© Casey Neistat

Casey ist die Verkörperung des American Dream: von ganz unten, nach ganz oben. Mit 17 schwängert er versehentlich seine damalige Freundin, muss die Familie mit Essensmarken und harten Jobs über Wasser halten: „Ich arbeitete in einem Fischrestaurant, mein Job war es, mit meiner ganzen Hand in diese ekligen Gefäße zu fassen, in denen Fischsuppe kam. Ich musste mich regelmäßig übergeben.“ Er lernt einen Künstler kennen, arbeitet für ihn, bastelt für ihn hunderte kleiner Quader für dessen Kunstprojekt zusammen. Er dreht erste Filme für ihn, der Künstler hat Spaß daran, empfiehlt Casey für den Geburtstag seiner Freunde. Casey Neistat soll mit seinem Bruder zusammen Gäste interviewen, für diesen Geburtstag. „Und na ja, einer der Gäste war Bill Clinton, der damalige Präsident der Vereinigten Staaten.“ 

Der Präsident soll eigentlich ein vorgefertigtes Skript ablesen, Casey gelingt es, das Macbook vorher auszuschalten, drückt dem US-Präsident sein eigenes in die Hand - „als ich das gemacht habe, sind ungefähr 15 Secret-Service-Agents aus allen Ecken des Raumes geschossen. Mr. Clinton machte eine Handbewegung, dann war wieder alles gut.“ Casey hatte vergessen das 30-seitige Dokument zu lesen, welches das Weiße Haus geschickt hatte, worin alle Schritte des Sicherheitsprotokolls drinstanden – eigentlich darf sich niemand außerhalb des Stabes des Weißen Hauses ohne Vorankündigung dem Präsidenten nähern. „No risk, no fun. Clinton gefiel das Skript so gut, er hatte Spaß, es wurde eine tolle Geburtstagsparty.“  Clinton stellt Casey an jenem Abend etliche einflussreiche Manager vor, die ihm die Tür zu Hollywood und HBO öffnen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, Recht hat er. 

Casey war bettelarm, ernährte seinen Sohn von Essensmarken und spricht oft darüber, dass Armut kein Mangel an Charakter ist oder reiche Menschen die besseren sind. Wichtig für die USA, wo Obdachlose oft ignoriert werden in ihrer Not.

© Casey Neistat

Casey und sein Bruder produzieren ihre erste große Show fürs Fernsehen und HBO überschüttet sie dafür mit Geld – „es war eine skurrile Situation. Vorher konnte ich mir die Miete für eine Wohnung in New York nicht leisten und wohnte auf der Couch eines Freundes. Plötzlich hatte ich eine Million US-Dollar auf dem Konto. Ich fragte sogar bei der Bank nach, ob das nicht ein Scherz sei.“ Casey wird über Nacht zum Millionär und macht fortan nur noch, woran er Spaß hat – über Dinge reden, die ihn bewegen. „Bikelane“ ist sein erster Mega-Video-Hit – er regt sich darüber auf, dass das NYPD ihm ständig Strafen aufbrummt, weil er nicht auf dem Fahrradstreifen fährt. Und das tut er nicht, weil dieser ständig zugeparkt sei – er zeigt das in seinem Video, indem er mit seinem Fahrrad an Mülltonnen crasht, in einen Laster fährt und sogar an ein Polizeiauto. 

Eine Symbolfigur der Hustle-Culture und warum Casey heute kürzer tritt 

Zum zweiten Mal Papa zu werden, änderte sein Leben komplett. „Ich bin nach New York gezogen, um richtig hart zu arbeiten und eine Karriere aufzubauen. Nach Los Angeles jetzt, um zu lernen, wie man eigentlich relaxt. Habe ich vorher nie gemacht.“

© Casey Neistat

Diese Hustle-Culture kennen wir alle - höher, weiter, härter, pushen, schlafen kann man, wenn man in Rente geht. Casey trat auf speziellen Konferenzen wie der HustleCon auf, die im Grunde aus Panels besteht, wo man diskutiert, wie man seinen Schlaf immer weiter herabsenkt und seine Produktivität maximiert. Aber es brachte ihn immer öfter ans Limit, statt aber mehr zu schlafen, intensivierte er sein Workout: „Rennen gibt mir enorm viel Energie, ich glaubte lange, man könnte Schlaf mit Sport ersetzen. Schätze, dann kam irgendwann das Alter oder sowas…“ Casey ist heute 40 Jahre jung. Kennen wir alle: Der Autor dieser Zeilen ist mit fast 35 auch nicht mehr so leistungsfähig wie mit 18. Da wurde den ganzen Tag über die E3 gerannt, danach in den coolsten Clubs gefeiert und noch bis drei Uhr morgens Artikel getippt, ehe um sieben der Wecker wieder klingelte und 15 Termine auf der Messe anstanden. Etwas mehr Schlaf bekam Casey auf Flügen nach Europa. Dort musste zwar auch der VLOG geschnitten werden, aber es war insgesamt mehr Zeit zum Entspannen. Wobei man hier auch sagen muss: Casey gelingt es, vieles mühelos aussehen zu lassen, was in Wahrheit relativ stressig ist. „Man gewöhnt sich an alles, ich habe über zwei Jahre quasi in jeder Minute am Tag eine Canon EOS 70D oder Mark 5 auf einem Gorilla-Pod mit mir rumgetragen, für mich war das wie ein verlängerter Arm, mich hat das nie gestört.“ 

Die größte Herausforderung des Daily VLOG, als einem Video, was den Tag zusammenfasst liegt darin, dass man dafür möglichst immer gut drauf ist. Und auch Youtuber sind nicht 24 Stunden am Tag happy, wobei Casey schon ein sehr witziger Typ ist.

© Casey Neistat

Aber irgendwann kam der Punkt, da brauchte der Youtube-Star mal eine längere Pause. Er kam zwar früh nach Hause, so um 19 Uhr, um Zeit für seine Frau und Baby zu haben. „Family Time ist für mich alles“, sagt er. „Die wollte ich nie beschneiden, auch wenn ich dafür andere Menschen enttäuschen musste. Es tat mir immer sehr leid, wenn vor meinem Studio Fans standen, die sich alle gerne unterhalten und abhängen wollten, aber ich sagte nur Hi, machte ein Foto und war weg, weil… na ja, Babys sind nur so kurz Babys und ich wollte jede Minute mit Francine verbringen, die irgendwie ging.“ Aber jeder kann sich vorstellen, dass wir Menschen irgendwann müde werden - wer um fünf Uhr aufsteht nach vier Stunden Schlaf, der muss um 19 Uhr schon so die letzten Kraftreserven mobilisieren. Und Casey wusste ja: Nach der Familien-Zeit, musste noch ein VLOG geschnitten werden, es warteten also nochmal drei, vier Stunden Schnitt-Arbeit. 

Ein Leben wie ein Videospiel und seine neue Karriere als Vollzeit-Papa

Casey musste überall seine Kamera mithinnehmen und das Leben wurde für ihn wie ein Videospiel – so, als würde eine Kamera ihn ständig durch die Open-World New Yorks begleiten.

© Casey Neistat

Klar: Casey Neistat hat erreicht, was er wollte – er wurde der größte Youtube-Star aller Zeiten, wuchs innerhalb von nur fünf Jahren auf 18 Millionen Abonnenten und baute nebenher noch ein Tech-Startup namens Beme (eine Art Snapchat ohne Filter, Casey wollte das Menschen ihre Umwelt zeigen, wie sie ist – nicht die schönste Version davon), was zwar nicht funktionierte, aber für 25 Millionen von CNN gekauft wurde. Er hat Millionen verdient, was es ihm erlaubt, heute ein lockereres Leben in Los Angeles zu leben. Casey Neistat hat also überdurchschnittlich viel gearbeitet, um ein weit überdurchschnittliches Leben zu führen. 

Ein extremer Zeitplan. Der Fitness-Fan wollte Schlaf mit Sport ersetzen, was zunächst funktionierte, aber nach drei Jahren war die Luft raus.

© Casey Neistat

„Seneca hat mal gesagt: Es ist nicht so, dass wir nur eine kurze Zeit zu leben haben. Sondern dass wir sehr viel davon verschwenden. Ich erinnere mich daran, wie ich Stempel genommen habe für ein Video, um mein Leben zu zeigen. So als wäre es ein Videospiel, wie Super Mario. Und ich habe alles dafür getan, um den Stempel auf dem stand „Schlaf“ so weit zu reduzieren wie irgend möglich, weil ich das für ungenutzte, verschwendete Lebenszeit hielt. Family-Time war mir immer unglaublich wichtig, hier habe ich nie etwas reduziert, aber Schlaf? Wer braucht schon vier Stunden Schlaf jede Nacht, das ist ja absurd viel Zeit pro Woche. Heute denke ich anders.“ 

Wer sich dafür näher interessiert: In einem faszinierenden Interview mit Steve-O gibt Casey noch etwas privatere Einblicke: „Mein Youtube-Lifestyle war auf brutale Effizienz getrimmt, ich musste jede Sekunde produktiv nutzen. Es war mir rein mental schwer möglich, einfach mal nur für einen Kaffee mit Freunden hinzusetzen.“ Er erwischte sich immer öfter dabei, wie das Leben an ihm vorbeiflog und sich alles nur noch um den nächsten Shot drehte, das nächste Video. Statt einen Kaffee zu holen und ihn in der Sonne zu genießen, wurde das Holen inszeniert – ab aufs Boosted Board, Gas geben, es werden mehr Shots gebraucht, um diese Story zu erzählen, die er in seinem Kopf hatte. „Das war für mich der Katalysator, warum wir gesagt haben: Lass uns nach Kalifornien ziehen, nach LA und ein anderes Leben leben. Ich weiß, dass meine Fans sicherlich mitunter sauer sind, weil ich nicht mehr so viel hochlade. Aber ich brauche das gerade: Ich brauche dieses Jahr, wo ich mich einfach treiben lasse.“

„Lange dachte ich: Gut im Surfen werden oder den ganzen Tag Sandburgen mit der Kleinen bauen, das kann ich irgendwann machen. Aber so funktioniert das Leben nicht“

„Ich musste lernen zu relaxen, weil das habe ich in meinem Leben noch nie gemacht. Ich bin zwar unfassbar viel gereist, aber immer mit der Kamera, immer den Moment festhalten, immer überlegen, wie kann ich das heute Nacht in einen VLOG gießen.“ Die Mittel seiner Wahl: Call of Duty: Warzone und Surfen, weil er bei beidem beide Hände braucht und keine Kamera halten kann. 

„Machen wir uns nichts vor: Ich liebe Surfen, aber ich bin wirklich nicht gut darin. Ich sehe diese Dudes am Santa Monica Beach, wie sie ihre Go-Pros jonglieren, während sie surfen, während ich kaum eine höhere Welle richtig reiten kann. Und ich bin leider auch der schlechteste Gamer der Welt, aber hey - ich mag’s einfach. Ich mache jetzt einfach Sachen, die ich mag. Nicht um sie im VLOG zu zeigen.“ 

Meine Kleine hat letztens gesagt: „Daddy, ich mag deine Kamera, sie ist ja dein bester Freund. Aber ich find’s schön, dass wir jetzt auch mal ohne sie spielen können. Schätze da habe ich was richtig gemacht.“