Hans Zimmer verantwortete als Komponist den Score der größten Filme aller Zeiten. Für den Smartphone-Hersteller Oppo hat er jetzt Anruftöne neu gedacht.

„Ein Score startet immer mit einer Idee. Eine Idee hat eine Frage und eine Antwort, vielleicht eine hohe und eine tiefere Note. Und wenn du dann den Kontext veränderst, ändern sich auch Frage und Antwort. Wenn ich also einen Film komponiere, ist die Frage eine andere, als wenn ich das für ein Smartphone wie das Oppo Find X3 Pro mache. Die Frage hier könnte sein: Was passiert nach all diesen Millionen von Anrufen? Was machen die mit uns, emotional, seelisch? Kann ich diesen Ton angenehmer gestalten, aber auch spannender“, fragt einer der größten Hollywood-Komponisten unserer Zeit – Hans Zimmer.

Er ist der Mann, dessen Soundtracks sich ins Gedächtnis brennen. Der mit leichtem Cello-Spiel den Wahnsinn des Jokers verstärkte und dessen Time aus Inception einen Oscar hätte kriegen müssen. Das Basshämmern aus Action-Filmen wie Black Hawk Down, die Epik aus Gladiator. Mal ist es das Orchestrale was er sucht, mal der leichte Moment, getragen nur von einem Cello, mal die Exotik einheimischer Musikinstrumente: Gladiator, The Da Vinci Code, Der König der Löwen, I Am Legend, Mission Impossible, King Kong, Dunkirk– all diese Kinofilme tragen die Klangnote von Zimmer.  Und jetzt eben auch das erste Smartphone. „Ich fragte mich, was eigentlich geschieht, wenn wir den Anruf annehmen: Am Telefon wurden Kriege erklärt und Liebe gefunden. Es ist ein Klang, der sich vom einen Herzen in Gestalt der Stimme zu einem anderen Herzen bewegt.“

„Ein Anruf kann Kriege entfesseln, aber auch Liebe“, sagt Hans Zimmer. Der Anruf-Sound Träume ist inspiriert von Inception, einige eher auf Wohlfühlcharakter gebaut, andere mehr orchestral gedacht, wie man das von Zimmers großen Filmen kennt.

© Oppo

„Sie verbinden Menschen. Und genau das machen ja auch Smartphones in der heutigen Zeit – sie verbinden uns.“ Es ist ein interessantes Thema, denn es gibt kein Gerät, mit dem wir so viel Zeit verbringen, wie mit unserem Smartphone. Es ergibt Sinn, jemanden wie Hans Zimmer zu engagieren, um eine neue Generation des Klingeltons einzuläuten – diese sind ja oft monoton, langweilig, mitunter gar eher nervig. Die von Hans Zimmer auf Oppo fühlen sich jetzt emotionaler an, mal auf der angenehmen Ebene, etwa zum Aufstehen. Es geht ihm darum, klassische Feel-Good-Momente zu kreieren, weil er möchte, dass sich die Leute gut fühlen, wenn sie einen Anruf annehmen.

„Die Frage ist doch immer: Wie kommen wir uns näher, wenn wir uns über das Smartphone hören, nicht in Persona reden. Ich höre Farben, könnte man sagen. Die Frequenz des Lichtes wird zur Frequenz der Musik. Ich möchte, dass so ein Anrufton die Möglichkeit eröffnet, um etwas zu fühlen. Unsere ganze Welt änderte sich während der Pandemie und uns fehlte plötzlich etwas sehr Fundamentales, etwas, dass uns zum Mensch macht – der physische Kontakt, der war plötzlich weg. Und ich hatte das Gefühl als Komponist und Musiker, ein bisschen von diesem Gefühl zurückzubringen, was wir spüren, wenn wir mit Menschen zusammen sind.“

Wie entstehen große Soundtracks in Spielen und Filmen?

Laut Hans Zimmer ließen sich zu viele Kriegsfilme ob riesiger Budgets dazu verleihen, mit Orchestern den Krieg heroisch zu inszenieren. Statt nachzuleben, wie Soldaten und Zivilisten diesen durchleiden, was er in Black Hawk Down versuchte.

© Sony Pictures

In The Dark Knight Rises gibt es eine ikonische Szene – diesen Moment der Stille, des Innehaltens, wo sich der Football-Spieler umschaut, sieht was geschehen ist. Dann das Aufbrausen, der Bass, die Trommeln, das Stadion kollabiert. Dieses Gefühl für Rhythmus, was sich in unser Gehirn brennt ist es, was Hans Zimmer zum größten Komponisten Hollywoods hat aufsteigen lassen. Wir hören Time und denken an Inception, automatisch. Völlig egal, wie lange es her ist, dass wir dieses Meisterwerk von Christopher Nolan zuletzt gesehen haben. Zuletzt traf unser Autor Benjamin Kratsch Hans Zimmer vor einigen Jahren in Los Angeles, an der renommierten Herb Alpert School of Music, wo der berühmte Hollywood-Komponist hin und wieder Vorträge hält, wenn es sein enger Zeitplan erlaubt: „Die Wahrheit ist: Ich brauche recht lange, um einen Score zu schreiben. Für The Dark Knight Rises oder zuletzt Dunkirk saß ich lange mit Christopher zusammen.“

„Ich komme immer erst von den Hauptfiguren, dann vom Szenario. Die Tierwelt feiert ihren neuen König, der eigentlich noch ein Baby ist – es hat also einen festlichen Charakter. Aber es ist auch wichtig zu zeigen, wie überfordert, vielleicht auch ängstlich Figuren sind - Sarabi und Mufasa als Eltern, die wissen, vor was vor eine Herausforderung sie ihr Kind stellen. Das war auch einfach eine tolle Zusammenarbeit mit Elton John.“

© Walt Disney Studios

„Wir hatten diese Idee. Und erst sieben Monate später hatte ich diesen ‚Lightbulb-Moment‘, womit sich die Idee in einen Score umsetzen ließ. Dunkirk war auch deshalb sehr fordernd, weil der Soundtrack die ganze Atmosphäre trägt – es ist ein Kriegsfilm, bei dem junge britische Soldaten den Feind nicht oder nur sehr selten sehen“, erzählt Hans Zimmer in seiner neuesten Masterclass namens Mix with the Masters. „Es ist anders als Black Hawk Down, was direkte Feuergefechte inszenierte, es ist indirekter, was ihm eine unglaubliche Dramatik verleiht. Und es ist schwierig, diese Dramatik über die Länge eines Films zu halten. In Dunkirk ist auch jede Szene sehr lang, viel länger als sonst in Hollywood – Balance ist hier alles, der Aufbau ist lang, die Noten werden lange gehalten, die Geduld des Zuschauers gestreckt, bevor das Orchester kocht. Es ist mehr Oper als Hollywood.“

Was ist der Unterschied zwischen Games und Filmen?

Call of Duty: Modern Warfare 2 gilt nach wie vor als eines der intensivsten Shooter-Erlebnisses, weil es extrem hart inszeniert ist und das Spiel seine Protagonisten regelmäßig sterben lässt. Hier brauchte Zimmer viel Fingerspitzengefühl.

© Activision

„Die interaktive Komponente ist interessant, aber nicht entscheidend. Scores sind Kinder ihrer Zeit. Als ich Call of Duty: Modern Warfare 2 schrieb, wollte das Studio ursprünglich pure Epik – sehr orchestral, sehr Hollywood-like. Aber mir war es wichtig, nicht nur diesen Moment zu haben, sondern auch andere Komponenten: Angst, wenn die Soldaten in ihren Helikoptern auf eine Stadt zufliegen, wo überall der Tod lauert. Wo Raketenwerfer-Stellungen liegen, die ihr Leben beenden könnten binnen Bruchteilen einer Sekunde.“ Das sei eine tolle, weil extrem fordernde Arbeit gewesen, denn Zimmer musste viel Fingerspitzengefühl beweisen. Call of Duty erschien in einem zeitlichen Kontext, wo Amerika in den Krieg zog.

„Dunkirk war hart. Ich habe mit Christopher elf Monate an jeder einzelnen Note gefeilt. Jeden Tag zwölf Stunden, keine Wochenende. Es war das brutalste Jahr meiner Karriere. Christopher lässt dich nicht den einfachen Weg gehen, niemals. Deshalb sind seine Filme so fantastisch in ihrer Einzigartigkeit.“

Wo es täglich Meldungen gab von getöteten Zivilisten, von gefallenen Soldaten. Wenn Zimmer einen Film beginnt und seine Crew aus Sounddesignern und Experten für die unterschiedlichen Stilmittel zusammentrommelt, achtet er sehr darauf, keinen „kulturellen Imperialismus zu betreiben“, wie er es selbst nennt. „Der Krieg ist eine Thematik, die kann man heroisch auffassen und mitunter tat ich das – aber eigentlich erzählt sie eine andere Geschichte. Von Männern, die zu Brüdern werden, für die sie gegenseitig ihr Leben riskieren. Die aber auch zweifeln an dem was sie tun. Der Score von Black Hawk Down erzählt größtenteils davon, dass Soldaten Angst haben, Zivilisten zu treffen. Aber auch von der Angst, aus diesem Terror nie wieder herauszukommen, dort zu sterben, wo sie gerade ihre Position halten.

„Die Magie einer Score kann sich nur entfalten, wenn du sie atmen lässt. Dunkirk lässt sich sehr viel Zeit, seine Geschichte aufzubauen, diesen brutalen Angriff. Diese Headline „Überleben ist der Sieg“ sagt alles, was man über diesen Film wissen muss.“

© Warner Bros (Universal Pictures)

Für mich war es aber auch enorm wichtig, mit lokalen Musikern zu arbeiten, mit Künstlern, die die andere Seite reflektieren, denn wir Amerikaner haben oft eine andere Sicht auf die Dinge, als das die lokale Bevölkerung haben mag. Für uns haben Spezialeinheiten einen Warlord in Gewahrsam genommen, für sie war es ein Angriff auf ihr Land, auf ihren Stolz. Musik ist immer mehrdimensional, und es ist faszinierend, wie viele Facetten sich in komplett anderen Genres wiederfinden. Die Thematik des Verlustes, vielleicht auch der emotionalen Überforderung seines Charakters zeigt sich in Batman, in Inception, in Call of Duty, in Black Hawk Down, aber auch im König der Löwen, wo Simba als Kind in diese Rolle hineingeboren wird, der er nicht gewachsen ist.“