Mit Schlammschlachten, mit Unwettern, mit Schneestürmen. Ein völlig neuartiges Rallye-Erlebnis, inszeniert wie ein The Fast & Furious. PC WELT hat Dirt 5 bereits mehrere Tage gespielt.

Brasilien, über 40 Grad im Schatten. Der Motor heult auf, kann das Erscheinen der grünen Signalleuchte kaum erwarten – in Dirt 5, dem nächsten Rallye-Rennspiel von Codemasters. Dein Blick aus dem Cockpit des rot-weiß lackierten Mitsubishi Lancer ist fokussiert. Nichts kann dich jetzt mehr ablenken. Weder das kreischende Publikum am Streckenrand, noch die gleißende HDR-Sonne, die sich ins Cockpit brennt. Dann endlich ist es so weit. Die Ampel springt auf grün, die Kraft von 200 PS drückt dich in den Schalensitz. Ab jetzt ist volle Konzentration gefragt, denn Dirt 5 ist nicht der klassische Ritt auf Messers Schneide, das Kämpfen um Millimeter auf den Vordermann, sondern eine Schlacht gegen Natur und Wetter.

Sliden auf dem zugefrorenen Hudson River in New York: Dirt splittet sich jetzt in Dirt Rally 2.0, was Simulationen liefert. Und Dirt 5, welches sich etwas arcadiger anfühlt.

Das hier ist feinster Rallye-Sport mit genau der richtigen Prise Arcade, die so ein Spiel braucht. Die Paris Dakar, runtergebrochen auf ihre wildesten Momente: Wir schießen über Hügel, müssen mit dem Gamepad versuchen, das Auto in der Luft auszubalancieren, im richtigen Moment die Motorhaube runterdrücken und so präzise wie möglich zu landen, damit wir den Speed mitnehmen können. Wie in Sonys gutem, alten Motorstorm preschen wir mit Vollkaracho durch Schlammlöcher, was uns kurz ins Schlingern bringt – Heck ausbalancieren, wieder Vollgas.  Das ist nicht voll auf Realismus gebürstet, dies hier will kein Assetto Corsa Competizione sein. Sondern schon deutlich stärker Rallye-Action, die richtig Spaß macht, aber eben auch diese taktischen Optionen lässt: Wollen wir mit Vollspeed in den Schlamm reindonnern und uns durchwühlen, oder fahren wir am Rand lang, was weniger schwierig ist, uns dafür aber Geschwindigkeit kostet.

Smart auch, wie diese Strecken designt sind: Mitunter können wir am Rand fahren, so ein, zwei Kontrahenten überholen, plötzlich schiebt sich ein großer Fels ins Bild, wir müssen ausweichen, krachen vielleicht in einen Fahrer rein oder verbremsen uns beim Kontakt mit dem Matsch. Sitzen wir im Buggy, können wir natürlich die Räder extra hart durchdrehen lassen – der Hintermann kriegt dann den Schlamm ab, was uns wertvolle Zehntel mopsen lässt. Der Ariel Nomad Tactical wurde eigentlich für Special Forces entwickelt, entsprechend liebt er das Gelände. Und natürlich gibt’s nicht nur Hitze, sondern auch Starkregen, Blitze, Gewitter, Hagel, Schneestürme – wir schlittern über den gefrorenen Hudson River in New York und rauschen durch eine chinesische Halbinsel, mitten in der Monsun-Zeit, wo das Wetter und der Sturm mehr gegen uns zu kämpfen scheint, als die anderen, welche sich ebenfalls den Launen der Natur stellen müssen.

Endlich wieder Rallye-Action: Mit Buggies und Monster-Trucks

Permanent wühlen wir uns durch den Schlamm, flitzen durch Wasserlöcher, die das kühle Nass des Vordermanns so hoch spritzen lassen, da verliert man schnell die Übersicht.

Die letzten Jahre waren stark geprägt von Simulationen Marke Gran Turismo, wo jetzt mit Gran Turismo 7 schon der nächste Ableger für Playstation 5 in den Startlöchern steht. Und natürlich Forza Motorsport, Asetto Corsa. Großartige Rennspiele ohne Frage, aber sie erlauben es uns nicht. die – pardon – Sau rauszulassen. Genau das liefert Dirt 5: Wie wir hier im super leichten Buggy um die Kurve driften, uns dabei fast quer stellen, über absurde Hügel springen und uns eine regelrechte Schlammschlacht liefern, das ist einfach eine Freude. Es ist die richtige Entscheidung gewesen, stärker auf Fahrspaß und Geschwindigkeit zu setzen, als Realismus.

Bei Nacht begrenzt sich die Sichtweite auf 20 bis 30 Meter. Nur wenn es blitzt, sehen wir die komplette Strecke vor uns, was Risiko-Management involviert.

Selbst ein Rallye-Ungetüm driftet normalerweise nicht mit so viel Speed durch den Matsch und die Autos halten sich deutlich stärker auf der Strecke, als in der Realität, wo bei solchen Streckenverhältnissen das Heck sehr viel öfter ausbrechen würde. Selten war ein Rennspiel atmosphärischer: Es braucht nur wenige Sekunden auf Henningsvaer, einem Fischerdorf in der norwegischen Kommune Vågan, das sich auf zwei kleinen, vorgelagerten Inseln vor der Lofoten-Insel Austvågøya in Norwegen befindet und wir werden förmlich mit Kies und Dreck beworfen während des Drifts. Wellen brechen über die Brücke, als sich im Morgengrauen das ganze Bild in die schönsten Orangetöne taucht.

Codemasters liebt das Wetter und spielt meisterlich damit

Auch Klassiker wie der Mustang und Supersportler wie der Porsche 911 GTR sind am Start.

Unsere Dirt-5-Demo spielt meisterhaft mit dem Element des dynamischen Wetters. Eine schöne Formel, die es erlaubt, Rennen immer wieder neu zu inszenieren. Um das zu testen, springen wir zurück nach Henningsvaer, fahren dieselbe Strecke, werden jetzt jedoch in einen starken Schneesturm geworfen – vorher fuhren wir im Frühling, jetzt die gleiche Etappe, nur im tiefsten Winter. Der Schnee spritzt links und rechts an uns vorbei, hochgewirbelt von der exzellenten Reifenphysik. Das hier mag zwar etwas arcadiger sein, dennoch reagieren unterschiedliche Reifentypen auch divers auf verschiedene Untergründe. Was sich zu Beginn noch recht normal anfühlt, verwandelt sich schnell in ein völlig anderes Renngefühl. Der Himmel verdeckt sich, als ein Gewitter beginnt – Blitze zucken und erhellen die Nacht, was uns durchaus Recht ist, denn sie machen es einfacher, die nur spärlich beleuchtete Strecke zu lesen, die wir nur mit unseren LED-Strahlern ableuchten.

Auch schneit es stark, was das Fahren erschwert, aber sich – wir können es nur immer wieder betonen – unglaublich atmosphärisch anfühlt. Kurven, die wir vorher gut beurteilen und abschätzen konnten, verschwimmen, nur der warme Farbton der Wegweiser, die Scheinwerfer des Autos und gelegentliche Blitze sorgen für eine Sicht, die bestenfalls 30 bis 50 Meter beträgt. Wahnsinn! Das ändert unsere komplette Fahrweise: Im ersten Rennen noch war die Strecke permanent sichtbar, konnten wir aggressiv kontern, Platz schaffen, Meter machen und Kurven eng nehmen. In dieser Dunkelheit jedoch müssen wir all diese Risiken kalkulieren - eine falsch eingeschätzte Kurve kann hier entscheiden zwischen zweitem und zwölftem Platz. Das ist großartig. Driveclub war eines der letzten Spiele, welches den Faktor Wetter so hervorragend und atmosphärisch eingebunden hat.

Dirt 5 fühlt sich an wie eine Reise in die goldene Rallye-Ära der Xbox 360 und PS3

Es gibt zahlreiche Perspektiven – die Motorhauben-Ansicht ist bei den Buggies besonders immersiv, weil uns fühlbar der Schlamm ins Cockpit spritzt.

Als wir so gut drei Tage mit dieser sehr umfangreichen Demo-Version von Dirt 5 verbringen, denken wir oft zurück an die goldene Ära des Rallye-Racing: Motorstorm begann diese Ära als Debüttitel auf der PS3, der zeigen sollte, wie viele Muskeln unter der Haube stecken, gerade durch seine ausgefeilte Matsch-Physik. Und Dirt 2 führte diese Ära fort und perfektionierte sie. Beim Hands-On-Test wird dieses langsame Aufbauen von mehr Skill und Muskelgedächtnis, um die Feinheiten der unterschiedlichen Autos zu meistern, vom Nervenkitzel sublimiert, der sich hier alle paar Meter einstellt. Wir bringen das Auto an seine Grenzen, rutschen im Affenzahn durch Kurven – und das eben nicht alleine respektive mehreren Kilometern Abstand, wie so oft gesehen bei TV-Übertragungen, etwa der Paris Dakar. Sondern mit elf anderen Fahrzeugen am Heckspoiler.

Den Lafitte X Road gibt’s wirklich, könnte man aber leicht mit dem Lamborghini Urus verwechseln, gerade vom Heck aus. Fährt sich königlich.

Fans des völlig abgefahrenen Motorstorm Pacific Rift dürften frohlocken, wenn Sie durch die grünen Wälder Brasiliens rasen und an einem neuen Event namens “Stampede“ teilnehmen: Hier geht’s um tollkühne Sprünge über die steilsten Hügel, was sich irre anfühlt, wenn wir im Rausch der Geschwindigkeit den besseren Absprungpunkt als die KI finden, über einen anderen Fahrer hinweg katapultiert werden und dabei R. Kellys “I believe I can Fly“ summen. Dieses Gefühl des atemlosen Tanzens am Rande der Kontrolle liegt im Herzen von Dirt 5 und zeigt sich auch in den erweiterten Fahrzeugklassen, die das Rennspiel auffährt. Natürlich gibt’s die üblichen Verdächtigen: Moderne Rallye-Autos der Großen, nostalgische Fahrzeuge der 90er und Rallye GT - wir fahren Ikonen wie den Ford RS2, Mitsubishi Lancer Eve 6, Peugeot 208, Subaru Imprezza. Aber auch viele luxuriöse Exoten wie den Aston Martin Vantage oder Porsche 911 RGT.

Dann gibt’s Buggies: Den Ariel Nomad Tactical hatten wir schon erwähnt, den Laffite X Road oder Class 1 noch nicht. Es gibt aber auch wahre Monster-Trucks mit riesigen Reifen und leichtem Überrollkäfig – den Rock Bouncer, den Mudclaw, der schon ansagt, wofür er gemacht ist – die Schlammschlacht. Der Jupiter Hawk hat 900 PS unter der Haube und riesige Flügel, was sich anfühlt, wie das Ringen mit einem Hengst. Jedes Mal, wenn Sie glauben, dass dieses Auto tut, was SIe wollen, bockt es auf und dreht sich in eine andere Richtung. Genau so muss sich das Endgame in einem Rennspiel anfühlen.

Größte Überraschung: Eine Story mit den Stars von Uncharted 4

Und dann haut Codemasters noch einen raus, mit dem wir überhaupt nicht gerechnet hatten. Rennspiele haben ja in der Regel nur Feigenblatt-Stories – man will halt irgendetwas abliefern, sonderlich viel Liebe steckt da aber selten dahinter. Ganz anders hier, denn man hat mit Nolan North und Troy Baker zwei der besten Schauspieler der Gamesbranche engagiert. Sie kennen Nolan als Nathan Drake aus Uncharted 4 und Troy Baker als Joel aus The Last of Us Part 2, der im letzten Uncharted aber auch Nathans Bruder Sam. Nolan spielt unseren Rivalen Bruno Durand, während Troy Alex “AJ“ Janicek mimt, unseren Mentor. „Es ist eine komplett neue Art, Geschichten zu erzählen über eine Art Podcast-Format“, erzählt Nolan North in einem kürzlichen Video. Und so funktioniert es: Immer wenn ein großes Event ansteht, kommen diese Stars des Spiels in den Podcast und werden vor und nach dem Rennen interviewt, so wie man das auch im TV machen würde. Als Moderatoren dienen dabei zwei Youtube-Stars – die beiden Motorsport-Nerds von Donut Media bringen ordentlich Pepp in die Karriere. Oder um es mit Troy Baker, Mega-Star aus The Last of Us Part 2, zu sagen: „Wir hatten viel Freiheit, durften uns kreativ austoben und ich denke, das ist eine Story, wie Sie diese noch nie in einem Rennspiel erlebt haben“.

Dirt 5 erscheint am 09. Oktober 2020 für PC, Xbox Series X / Xbox One sowie Playstation 5/ PS4.

Fazit: Richtig große Rallye-Action im Blockbuster-Format

Dirt liefert in Zukunft beides ab: Dirt Rallye ist Hardcore-Motorsport für Puristen, während Dirt 5 mehr einen Blockbuster auffahren will: Völlig irre, was für Powerdrifts wir hier ziehen, wie wir uns durch den Matsch wühlen oder absurde Geschwindigkeiten mit Autos erreichen, die mehr aussehen wie Flugzeuge. Dirt 5 hat uns vor allem ob seiner Wettereffekte, seiner super atmosphärischen Schneestürme und wundervollen Sonnenaufgänge begeistert, die etwa eine Strecke in Norwegen in gleißendes Orange hüllen. Nicht erlebt haben wir bisher die Kampagne, aber auch hier scheint man Vollgas geben zu wollen: Nolan North und Troy Baker sind die besten, aber auch teuersten Schauspieler, die die Gamesbranche zu bieten hat.