Der letzte Film mit Daniel Craig wird ein Statement-Film: Mit Lashana Lynch, Ana de Armas, Naomie Harris und Léa Seydoux stehen James Bond gleich vier Power-Frauen zur Seite gegen Oscar-Gewinner und Antagonist Rami Malek.

Die weißen Punkte auf dem Screen, das Adrenalin fängt an zu pumpen. Bond geht zur Mitte, dreht sich blitzschnell um, feuert und du weißt: „You are in for a ride!“ Jetzt geht richtig die Action ab! Jetzt beginnt eine emotionale Achterbahnfahrt“, erzählt Cary Jogi Fukunaga im Rahmen der Weltpremiere von James Bond: Keine Zeit zu Sterben. „Für mich als Autor und Regisseur war es essentiell, Bond neu zu entdecken: Wo er ist er nach fünf Jahren im Ruhestand. Wer ist er geworden? Er ist eine Art verwundetes Tier, das mit seiner Rolle als 00-Agent kämpft, denn die Welt hat sich verändert. Die Einsatzregeln sind nicht mehr dieselben wie früher, die Regeln der Spionage sind dunkler in dieser Ära der asymmetrischen Kriegsführung.“ Darauf ließ schon der erste Trailer schließen, in dem Ralph Fiennes als der neue M sagt: „Früher schafften wir es in einen Raum mit dem Feind. Heute kommt er über den Äther, das Internet, aus dem Schatten.“ 

Regisseur Cary Jogi Fukunaga bezeichnet James Bond als „eine Art verwundetes Tier, das mit seiner Rolle als 00-Agent kämpft, denn die Welt hat sich verändert“.

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„Die Menschen, die Bond nahestehen, die er als Familie betrachtet, sind alle in großer Gefahr. Und jetzt gibt es da draußen jemanden, der gefährlicher ist als jeder, dem er je begegnet ist, und wer auch immer das ist, er ist schlauer und stärker“, gibt sich der Regisseur geheimnisschwanger. Oscar-Preisträger Rami Malek beschreibt seine Rolle als Antagonist Safin als „verstörend.“ „Ich wollte, dass er sich verstörend anfühlt für den Zuschauer. Er sieht sich selbst als heroisch, er will die Welt bereinigen.“ Laut Fukunaga ist er eine große Gefahr, nicht nur für die Welt an sich, sondern auch für Bond persönlich – Fans der Filme können sich vorstellen, welche Schlüsselrolle einer der Frauen in James Leben zukommen könnte. „Der Moment, in dem er zum Ende des Films zum Einsatz gerufen wird, um nicht nur die Welt, sondern auch ihr Leben zu retten, ist der Höhepunkt all dessen, was Bond geworden ist, mit all dem, was er gesehen hat, all dem Trauma, dem Verlust, was diese Mission ist, die seine schwierigste und herausforderndste sein könnte. 

Das war unser Ziel, wir wollen etwas Außergewöhnliches mit diesem Film machen, jeder Bond-Film hat diese Sache, die Gefahr, aber auch die emotionale Wucht, alles, was ungesagt blieb, wird endlich gesagt werden.“ James Bond: Keine Zeit zu Sterben dürfte sich anders anfühlen als viele Bond-Filme vorher, denn Fukunaga ist kein Hollywood-Regisseur – er kommt von der Serie, von True Detective. Wohl auch deshalb ist der neue Bond ein Ensemble-Stück: Wenn Lashana Lynch im Trailer als neue 00-Agentin sagt: „Die Zeit hat sich weitergedreht, Commander Bond“, dann ist das auf vielfältige Art zu verstehen. James Bond ist hier nicht mehr der Star, er ist Teil eines Teams. Bond war in der Ära von Sean Connery, Roger Moore und zumindest zu Teilen Pierce Brosnan ein Gentleman-Killer, ein Macho-Typ. Einer, der die Welt rettet und Ladies quasi im Vorbeigehen die Dessous auszieht. Daniel Craig hat das mitunter auch noch gemacht, doch die Bond-Autoren fanden einen interessanten Twist, um seine Figur weiterzuentwickeln: Von der Liebe enttäuscht (Casino Royale) wird Bond wieder zum klassischen Verführertypen (Ein Quantum Trost), dem allerdings immer wieder gezeigt wird, was sein Handeln für Konsequenzen haben kann: Seine Kollegin Strawberry Fields wird nach einem One-Night-Stand in Öl ertränkt, einfach nur um ihn zu warnen. Und die feurige Italienerin Caterina Murino von ihrem Ex-Freund ermordet, als James dessen Aston Martin DB5 beim Poker gewinnt. Und mit seiner Freundin eine Nacht verbringt. 

Eine neue Ära: James Bond muss zum Team-Player reifen 

Die Bedrohung ist in Keine Zeit zu Sterben so extrem, dass man Bond gleich mehrere Powerfrauen an die Seite stellt – Lashana Lynch ist die neue 00-Agentin, Ana de Armas spielt eine kolumbianische Agentin, die auch in Highheels noch Karate-Tritte austeilt.

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James Bond: Keine Zeit zu Sterben gibt einen ganz anderen Ton an, das zeigen schon die Trailer: Agent Nomi, gespielt von Lashana Lynch ist ein Draufgängertyp, so wie Bond selbst. Als sie in einem Hightech-Ultraleichtflugzeug von Q aus einem Frachtflugzeug abgeworfen werden, fragt James „Schon mal so ein Ding geflogen?“ „Nope“, und schnappt sich den Steuerknüppel. Ein klassischer Bond-Move, der bislang immer dem Super-Agenten vorbehalten war. "Ich glaube, sie haben einfach jemanden gesucht, der es mit Bond aufnehmen kann", sagt Lynch im Gespräch mit dem Guardian. „Jemand, der in der Lage ist, aufzustehen und laut und direkt und stark zu sein, der mit einer Waffe umgehen kann, der sich selbst im Griff hat und der sich von niemandem etwas gefallen lässt. Im Laufe der Handlung entwickelte sie sich dann zu einem ziemlich komplizierten, freien, aufgeschlossenen und stimmgewaltigen Menschen, der dem MI6 eine ganz neue Facette gibt.“ 

Sie bezeichnet sich und Ana de Arma, die die kolumbianische Agentin Paloma spielt als „neue Generation von Kick-Ass-Ladies“ – das Attribut des Bond-Girls gehört damit der Vergangenheit an. „Nomi ist exzellent ausgebildet, enorm fähig und „slightly cocky““, findet Lashana Lynch. Cocky könnte man mit eingebildet oder großspurig übersetzen, im Britischen ist das aber durchaus positiv gemeint. Von Anfang an macht sie klar, wer die Operation leitet. „Kommen Sie mir in die Quere, jage ich Ihnen eine Kugel ins Knie.“ Hier ist wenig von Respekt vor dem Mann zu sehen, der immerhin in Skyfall die Premierministerin gerettet hat, die Raoul Silva beim Angriff auf das Parlament töten wollte. Vermutlich hat sie auch schon einiges auf dem Kerbholz, wenn wir sie kennenlernen, denn Nomi trägt den 00-Status bereits seit zwei Jahren.

Enorm spannend: Daniel Craig ist derjenige gewesen, der gefordert hat, das Profil seiner Kollegin Commander Nomi zu schärfen. Dafür hat er extra Fleabag-Star Phoebe Waller-Bridge an Bord geholt als Co-Autorin.

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Von diesen gibt es nicht besonders viele, sie bilden die höchste Elite der Agenten des MI6 und gehören der 00-Abteilung an, einer geheimen Unterabteilung des riesigen Sicherheitapparats des MI6, des britischen Geheimdienstes. Kurzer Hintergrund, weil er für die Bond-Storylines wichtig ist: Der MI6 ist dem Parlament unterstellt, die 00-Abteilung hingegen direkt dem Premierminister – deshalb soll diese in Skyfall aufgelöst werden, weil die 00-Sektion im Geheimen operiere und keiner direkten parlamentarischen Kontrolle unterliege, was schwierig in einer Demokratie sei. Ein bisschen wie Teile der CIA in den USA – auch dort gibt es sogenannte Black-Ops-Einheiten, die direkt dem Weißen Haus unterstehen und vom Präsidenten in Krisensituationen aktiviert werden können, ohne dass dieser den Senat um Erlaubnis bitten muss, was bei allen anderen militärischen Operationen der Fall ist. 

Lashana Lynch über ihre Rolle als neue 00-Agentin und Boss von James Bond 

Lashana Lynch wird neben Daniel Craig als großer Werbestar etabliert – sie benutzt in erster Linie das Nokia XR20, welches auch mal aus dem dritten Stock oder einem Helikopter fallen darf und ohne Schaden überlebt.

© Nokia

Die „License to Kill“ gab es wirklich, im Zweiten Weltkrieg. James Bond wurde von Ian Fleming geschrieben, der als Geheimagent in Deutschland agierte und wohl vom Naval Intelligence Office autorisiert wurde, Tötungen ranghoher Generäle der Wehrmacht und SS durchzuführen. Daniel Craig erhält diese „Lizenz zum Töten“ nachdem er den korrupten MI6-Section-Chief Dryden liquidiert. Und Lashana Lynch bekam die Rolle, weil die Bond-Macher eine Schauspielerin brauchten, die den extremen physischen Herausforderungen gewachsen war. Also aus großer Höhe springen, abrollen, drei Salven abfeuern, in der Rolle nach vorne nachladen. 

"Sie geben dir einen Haufen Waffen in die Hand und bringen dir ein paar Sekunden oder eine Minute lang eine Routine bei, die du dann im Grunde nachmachen musst. Es war also so: 'OK, nimm die Waffe! Schieß! Runter auf die Knie! Schieß! Roll dich auf den Rücken! Lande auf deinen Füßen! Schießen Sie! Lauft, lauft, lauft! Du hast keine Munition mehr! Wirf das weg! Bauen Sie diese Waffe zusammen! Schieß!' Und das war die erste von fünf Übungen, die sie mir beibrachten.“ Wird spannend, wie Lynch neben dem eingespielten Trio von Daniel Craig und Naomie Harris funktioniert, die ihre Rolle der Moneypenny ebenfalls revolutioniert hat. Moneypenny war ursprünglich Ms. Sekretärin, in der Craig-Ära wurde sie zum Special Agent für Auslandsoperationen befördert, die mitunter sogar über Craig in der militärischen Rangordnung steht. 

Lashana Lynch: „Ich glaube sie wollten eine Frau, die Bond Paroli bieten kann. Die ähnliche Charakterzüge trägt und auch ein bisschen “cocky“ ist. Und das Steuer übernimmt.

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Wir alle erinnern uns noch daran, wie sie den Schuss im Intro von Skyfall verfehlt und Bond schwer verwundet. „Take the bloody shot“, sagte damals M. Wenn man es genau nimmt, hatte bereits in der Brosnan-Ära eine Frau das Kommando. Judi Dench brillierte stets in der Rolle der kaltblütigen Taktikerin, die für ihr Land sogar bereit ist, einen ihrer verdientesten Agenten zu opfern. Mehr als nur einmal – Pierce Brosnan rettet sie spät aus der Folter in Nordkorea und in der Zugsequenz opfert sie unnötig Daniel Craigs 007. Geradezu skurril, dass ihr James Leben wenig wert war, er ihres hingegen beim Angriff von Silvas Killerkommando rettet und mit ihr in Skyfall einige der emotionalsten Szenen der ganzen Reihe hat. 

Auch Paloma (Ana de Armas) ist kein klassisches Bond-Girl, die Craig in die Arme fällt. Sondern ihn anfeuert, weil sie mit Highheels und Uzi eine kleine Armee ausschalten muss.

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Die Craig-Ära hat Storytelling auf eine ganz neue Ebene gehoben. Waren die Filme vorher pures Entertainment, die von den One-Linern ihrer charismatischen Bonds lebten, war Skyfall etwa ganz, ganz großes Kino. Mit perfektem Schnitt, perfektem Arrangement –  unvergessen als Bond von Moneypenny getroffen in die Tiefe stürzt und Adeles Titelsong „This is the end“ einsetzt. Oder wie M vor der Premierministerin über ihre Agenten spricht: „Bevor Sie uns für irrelevant erklären, fragen Sie sich: Wie sicher fühlen Sie sich? Wen fürchten Sie? Können Sie ein Gesicht sehen, eine Uniform, eine Flagge?“ Währenddessen erschießen Silvas Männer in Polizeiuniformen jene Polizisten, die das Parlament schützen.  „Unsere Welt ist nicht transparenter, sie ist undurchsichtig, verschleiert. Sie verläuft in den Schatten, dort ist es, wo wir kämpfen müssen.“ 

Daniel Craig hat nur deshalb zugestimmt, noch einen Bond zu machen, weil er selbst am Drehbuch mitarbeiten durfte – er diente Cary Fukunaga, Neil Purvis und Robert Wade als Co-Autor.

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Tho' much is taken, much abides; and though We are not now that strength which in old days Moved earth and heaven; that which we are, we are; One equal temper of heroic hearts, Made weak by time and fate, but strong in will To strive, to seek, to find, and not to yield.

„Viel schwand dahin, doch viel verblieb; obwohl wir nicht die Kraft besitzen, die einmal den Himmel und die Erd' bewegt; wir sind das was wir sind; von gleichem Sinn und Mut, vom Zeitgeschick geschwächt, doch stark im Willen. Zu Suchen, zu Sehen. Und nie aufzugeben.“ Die Kamera zoomt auf Bond, wie er durch London hetzt, um dieselbe Chefin zu retten, die ihn zu Beginn des Films opferte. Ein Mann, so loyal, wie es nur ein 007 sein kann… 

Die nächste Bond-Ära. Daniel Craig hat bereits klar gemacht, dass Bond immer ein Mann bleiben wird, als heißeste Kandidaten werden Tom Hardy (Tenet) und Henry Cavill (The Witcher) gehandelt. Letzterer spielte schon in Codename U.N.C.L.E eine Art 007

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