Digitalisierung: Mit neuer Technologie in die Zukunft

Nach einer Studie der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) würden durch den technischen Wandel hierzulande bis zum Jahr 2025 fast acht Millionen Beschäftigte erfasst werden, weil Roboter und Algorithmen die Arbeit übernähmen.

1 . Laut einer Betriebs- und Beschäftigtenbefragung am Arbeitsplatz des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) wurden durch Modernisierungen der Produktionstechnologien bei deutschen Unternehmen zwischen 2011 und 2016 fünf Prozent der Beschäftigten ersetzt.

Die Daten signalisieren ferner, dass sich 30 Prozent der Beschäftigten aus unterschiedlichen Gründen um den eigenen Arbeitsplatz sorgen.

2. Eine Studie von Forschern der Universität Oxford kam schon 2013 zu dem Fazit, dass fast jeder zweite Beruf durch lernende Maschinen zu ersetzen sei.

3. Betroffen sind vor allem Personen mit den "weißen Kragen", die als Bank- und Versicherungsfachleute, Bürohelfer, Telefonisten, in der betrieblichen Organisation oder im Finanz- und Rechnungswesen tätig sind, aber auch Arbeitskräfte der fertigungstechnischen Berufe (etwa in der Chemie- und Kunststoffindustrie).

Im Gegensatz zu diesen erschreckenden Vorhersagen prognostizieren andere Stimmen, dass durch den technologischen Fortschritt hunderttausende neue Jobs entstehen; so spricht beispielsweise Bundesarbeitsminister Heil von 2,1 Millionen.

4. Die Geschwindigkeit, mit der sich Digitalisierung und Globalisierung voranbewegen, hat nichts mehr mit Beständigkeit zu tun. Weitgehend selbststeuernde Maschinen (sogenannte Smart Factories) montieren in schnellem Tempo unter anderem Roboter, Autos, Computer und Smartphones zusammen, assistieren bei Operationen und Labortätigkeiten oder erforschen Ozeane.

Neben all diesen Möglichkeiten werden 3D-Drucker zur schnellen und kostengünstigen Fertigung von Endprodukten, Modellen, Werkzeugen und Prototypen in der Industrie und Forschung, im Heim- und Unterhaltungsbereich sowie in der Kunst eingesetzt.

Der digitale Wandel formt eine neue Arbeitswelt und somit auch andere Berufsbilder. Gleichwohl wohin mit dem Heer von Arbeitslosen, wenn die Konzepte des Staates und der Wirtschaft nicht überzeugen oder angenommen werden?

Zwar ist zum 01. Januar 2019 das sogenannte Qualifizierungschancengesetz der Bundesregierung in Kraft getreten, aber vorrangig bleiben die Unternehmen und die Beschäftigten selbst verantwortlich für die Weiterqualifizierung.

Deshalb Achtung, denn das gesetzliche Angebot wirft gravierende Fragen auf:

Auf welche Weise werden die Arbeitnehmer motiviert, dass sie sich weiterqualifizieren ? Der Schutz in der Arbeitslosenversicherung ist gerade verbessert worden und sendet möglicherweise ein völlig falsches Signal.

Was passiert, wenn sich die Unternehmen nicht an den Weiterbildungskosten beteiligen wollen? Ein neuer, ausgebildeter Berufsanfänger kann in der Regel kostengünstiger beschäftigt werden als ein älterer Mitarbeiter, dessen Weiterbildung mitfinanziert werden muss.

Was geschieht mit den Geringqualifizierten (ohne formalen Bildungsabschluss, An- und Ungelernte), die sich für eine Qualifizierung im Zuge des digitalen Wandels nicht eignen? Eine neue Weiterbildungskultur wird diese Zielgruppe schwer erreichen.

Wer kümmert sich um die Selbstständigen, die sich keine Weiterbildung leisten können und in früheren Jahren nur geringe Beiträge zur Arbeitslosenversicherung entrichtet haben? Welche Institution bereitet diese Gruppe auf den digitalen Arbeitsmarkt vor?

Warum wird noch weiterhin Personal mit weißen Kragen ausgebildet, obwohl diesem Personenkreis nur geringe Zukunftschancen attestiert werden, weil ihre Tätigkeiten von Computern und Maschinen erledigt werden können?

Das Leben wird nicht einfacher werden, wenn man jederzeit alles verlieren kann einschließlich Wertschätzung des Arbeitgebers, Work-Life-Balance und regelmäßiger Lohnzahlung. Zweifellos werden Automatisierung, Algorithmen, intelligente Maschinen und Roboter Menschen von körperlichen und lästigen Tätigkeiten in der Arbeitswelt 4.0 entlasten und zu einem Produktivitätswachstum sowie zu einer Senkung der Arbeitszeit führen.

Aber wie erklärt man das einem Arbeiter am Fließband oder einer Steuerfachgehilfin, die infolgedessen ihren Job aufgeben müssen?

In meinem beruflichen Umfeld als Professor höre ich zunehmend Klagen quer durch alle Generationen über den ungewissen Ausgang ihrer beruflichen Situation. Ähnlich wie bei einer Trüffeljagd suchen potenzielle Arbeitslose bereits den Berufsmarkt nach langfristigen Zukunftschancen und Wachstumsbranchen ab. Die Hilferufe werden lauter, weil es gerade auch um die Zukunft von jüngeren Generationen geht und mit der Geduld der Betroffenen ist es irgendwann zu Ende.

Ehemals Beschäftigte werden sich nicht mit ihrem Schicksal abfinden, das sie partiell unverschuldet haben. Sie werden lautstark protestieren, weil sie nicht mehr gebraucht oder mit geringen Renten – einem Grundeinkommen – abgespeist werden sollen. Sie sehen ihre Zukunft nicht als Aushilfskraft in einem Schnellrestaurant, als Minijobber in einem Logistikunternehmen oder als ungelernter Verkäufer in einem Baumarkt. Doch wie sie ihre Zukunft anderweitig mit einer erwerbsorientierten Beschäftigungsmöglichkeit bewerkstelligen sollen, bleibt zunächst unklar.

Verlass ist nur auf eines: Dank der Exportstärke der deutschen Wirtschaft wird es auch weiterhin reichlich Arbeit in Deutschland geben. Nichtsdestoweniger stellt sich die Frage, was aus dem Zusammenhalt in der Gesellschaft wird, wenn große Teile der Bevölkerung arbeitslos sind, weil sie eine unzeitgemäße Ausbildung abgeschlossen und eine berufliche Um- und Neuorientierung versäumt haben.

Wird dann im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung jeder mit sich selbst beschäftigt sein und das sogenannte Gemeinschaftsgefühl verloren gehen?

Oder kann durch die wachsende Unzufriedenheit in der Gesellschaft mit der politischen Situation gar eine Solidarität zwischen Berufstätigen und unfreiwilligen Frührentnern entstehen, die den Gemeinsinn fördert?

Perspektivlosigkeit ist jedenfalls kein Ausweg, weshalb es hoffentlich mit der „Transformation der Erwerbslosen“ und somit mit dem Prozess der beruflichen Veränderung in der nahen Zukunft vorangeht, zumal erste Stellschrauben bereits identifiziert sind:

1. Eine berufliche Um- und Neuorientierung im Sinne von Digitalisierungsfortbildungen sollte durch die Sozialpolitik nicht nur finanziert, sondern auch organisiert werden. Durch lebenslanges Lernen qualifizieren sich Menschen für die digitale Berufswelt und für die arbeitsrelevanten Herausforderungen der Zukunft.

2. Die Bildungspolitik sollte frühzeitig Menschen fördern, den steigenden Qualifikationsanforderungen gerecht zu werden. Deutschland benötigt neue pädagogische Konzepte, eine Fortbildung von Lehrkräften an den Schulen und eine digitale Infrastruktur (Breitband, WLAN, Computer), um den Schülern digitale Kompetenzen zu vermitteln.

3. Die Hochschulen sollten Weiterbildungsangebote zur digitalen Transformation in Wirtschaft und Gesellschaft berufsbegleitend anbieten. Angebote wie Business Intelligence & Data Management, Design Thinking und Innovationsmanagement, Industrie 4.0 und Produktion in der digitalen Welt sowie Digital Media Management, die von Unternehmen oder staatlicher Seite zumindest teilfinanziert werden, entsprechen zeitgemäßen Anforderungen.

4. Es bedarf einer Arbeitsmarktpolitik der zweiten und dritten Chance mit Wiedereingliederungs-Angeboten in den Erwerbsprozess und damit in reguläre Beschäftigungen.

5. Sicher ist, Staat und Wirtschaft stehen in der Pflicht, Arbeitnehmer und Selbstständige gezielt auf den digitalen Wandel vorzubereiten, damit letztlich mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet werden und damit diese neue Form von Arbeitslosigkeit nicht zu einer chronischen Volkskrankheit ausartet.