Blaue Haare, Red-Bull-Piratenband, sein Fortnite-Tanz und ein paar andere smarte Ideen: In seiner ersten MasterClass verrät Tyler „Ninja“ Blevins, wie er in nur 5 Jahren 70 Millionen Fans gewinnen und zum reichsten Streaming-Star der Welt aufsteigen konnte.

„Wenn Du gerade anfängst, ist jeder einzelne Zuschauer Gold wert. Er oder sie ist ein VIP für Dich, und Du musst ihn so behandeln“, erzählt uns ein wie immer gut gelaunter Ninja im Rahmen seiner MasterClass. „Mir erzählte jemand, dass sein Hund krank ist. Als er wieder in den Chat kam nach zwei Tagen, fragte ich, wie es seinem Hund gehe. Er ist noch heute ein Fan.  Meine Zuschauer sind wie eine zweite Familie – ich kann mir vielleicht nicht mehr alle Namen merken, aber ich habe für sehr viele einen Tab in meinem Gehirn abgespeichert. Als ich nur 5,10 oder 50 Zuschauer hatte, habe ich mir kleine Notizen zu diesen Menschen gemacht – einfach nur der Name und ein Satz. Sie freuen sich und fühlen sich gewertschätzt, ich kann das nur empfehlen. Ich würde das auch heute noch machen, aber dann wäre mein ganzes Office voller Klebezettel und dafür ist mein Red-Bull-Studio zu sexy.“ (er lacht)

Glauben wir gerne, bei 24 Millionen Abonnenten auf YouTube und 17 Millionen auf Twitch. Tyler gilt als der erfolgreichste und reichste Gamer unserer Zeit. Keiner hat in kürzerer Zeit mehr Fans angehäuft (70 Millionen über Twitch, Youtube, Twitter und Instagram), mehr Deals abgeschlossen (Microsoft, Red Bull, Samsung, Adidas, NFL) und mehr Geld verdient als er. 

In seiner MasterClass erzählt er seine Geschichte, wie er seine Marke aufgebaut hat mit seiner Managerin und Freundin, heute Frau, Jessica, und wie es ihm gelungen ist, über so lange Zeit seine Fans zu halten: „Das ist das Besondere an Live-Streaming: Du lernst die Menschen wirklich kennen. Viele meiner Zuschauer sind mit mir erwachsen geworden, auch wenn das komisch klingen mag. Ich bin, glaube ich, im August 2012 zum ersten Mal online gegangen, so richtig schlimm – mit schlechtem Licht, billiger Webcam, war eben so.“

„Viele glauben, dass es nur darum geht zu gewinnen, aber Streaming ist vor allem Entertainment. Meine Zuschauer hatten z. B. enorm viel Spaß, als ich mich in Valorant eingearbeitet habe, weil wir uns zusammen an all die Strategien rangetastet und die Karten gelernt haben."

© MasterClass

„Heute bin ich 31 Jahre alt, damals war ich 20. Und heute sind viele meiner Zuschauer natürlich auch 10 Jahre älter, und wir haben uns über diesen langen Zeitraum kennengelernt. Ich erinnere mich nicht an jeden, aber an die OGs auf jeden Fall – die, die schon seit Anfang an dabei waren, wo ich noch für die immer selben 20 Leute gestreamt habe.“ In der Tat verwendet er noch heute viel Zeit darauf sehr, sehr viele Namen von Leuten zu nennen, die immer wieder seine Streams gucken. „Es ist ein Grind, da möchte ich niemandem etwas vormachen – es ist nicht einfach, auf Twitch ein Star zu werden, aber Du musst irgendwo anfangen“, erklärt der Profi. „Achtet darauf, Eure Viewer-List immer aktiv zu halten, entweder auf dem Haupt-Display oder einem Zweit-Monitor. Begrüßt die Leute, nicht selten gewinnt Ihr so einen Abonnenten, der immer wieder kommt, im Optimalfall bleibt er für immer.“ 

Ninja empfiehlt, darauf zu achten, ob gerade kleinere Titel viral gehen. „Spiele, was Du liebst, aber Dir sollte bewusst sein, dass es sehr viel schwieriger ist, sich in Fortnite oder Call of Duty durchzusetzen, als einem Fall Guys oder Valheim, als sie noch klein waren.

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Jessica Blevins: Tylers Ehefrau ist das Gehirn hinter Ninjas 100-Millionen-Dollar-Imperium

Hey Ninja, Wie sieht das perfekte Streaming-Setup 2022 aus? 

Da Webcams sehr günstig sind, würde Ninja diese zu Beginn einer Spiegelreflex-Kamera vorziehen. Beim Sound reicht zu Beginn ein Headset, später empfiehlt er auf ein Standmikro mit Mikrofon-Arm zu upgraden, weil die Klarheit der Stimme am wichtigsten ist.

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„Haha, es ist eine der meist gestellten Fragen: Da Twitch live ist, sollte die Webcam möglichst in einem Winkel stehen, damit man nur dich sieht und ein bisschen von deiner Umgebung, nicht zu viel. Ich habe Streams gesehen, wo dann die Freundin gerade aus der Dusche kam – das muss vielleicht nicht sein. Manche binden ihre Familie ein, manche wollen das nicht,  ist immer die Frage, wie viel Privatsphäre einem persönlich wichtig ist.“ Man sollte generell darauf achten, dass der Stream wirklich beendet wurde, da es schon einige Streamer gab, die sich schon in peinlichen Situationen wiederfanden, etwa weil sie sich umzogen, während der Stream lief, mit ihrer Freundin unterhielten oder Sex hatten.  Das bringt zwar viele Views, aber Twitch sieht das nicht so gerne. 

Wichtig sei es, jede Situation mit der richtigen Energie und Humor anzugehen. Ninja gehört zu den Besten in Fortnite, in Valorant legte er zu Beginn auch gerne mal einen Fail hin und kommentierte das dann sarkastisch, was seine Fans feierten.

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Ninja empfiehlt zudem LED-Lichter, um mit Farben Atmosphäre zu erzeugen – das sei fürs Auge spannender als einfach nur das klassische Licht einer Lampe. Als Webcam reiche eine günstige Logitech Brio 4K für 126 Euro. Diese hat er selbst über die meiste Zeit seiner Karriere benutzt in Kombination mit einem biegbaren Tripod, damit die Kamera schräg von oben auf ihn schaut. Wenn finanziell möglich, empfiehlt er einen Haupt-Monitor und einen zweiten, um den Chat zu verfolgen. Das gehe aber auch sehr gut via iPad, wenn man das etwa auf einem Ständer positioniert. „Du musst Zuschauern immer das Gefühl geben, dass Du gerade für sie streamst. Der größte Fehler, den ich immer wieder sehe ist, dass Streamer ihre Community kaum einbinden und zu sehr aufs Game fixiert sind, zu wenig Raum geben, um Fragen zu beantworten, Jokes zu reißen oder das Spiel mit den Fans zu analysieren.“ 

Als Haupt-Display empfiehlt er 144 Hz, weil sich das für den Zuschauer flüssiger anfühlt. Dabei sei es egal, ob diese nur auf einem 60-Hz-Screen schauen, das Gameplay wirke sehr viel smoother und die Bitrate optimalerweise auf 5000 in OBS. Was uns gut gefallen hat an Ninjas MasterClass – er gibt uns Aufgaben, schaut sich diese an und gibt entsprechendes Feedback über 30 Tage. Er gibt Tipps für die individuellen Setups der Zuschauer, beantwortet Fragen, erklärt im Detail, wie man sich eine Fanbasis aufbaut und wie man die unterschiedlichen Social-Media-Plattformen bespielt, bevor man sich ein eigenes Team dafür leisten kann. „Es gibt im Internet viele Trolle, und ich tendiere dazu, mit ihnen ein bisschen Banter zu haben – sprich, ich drücke ihnen einen Spruch rein und schaue, ob sie darauf aggressiv reagieren oder einfach Spaß haben wollen.“ 

Wie Ninja seine Marke baute: Blaue Haare, Ninja-Band, Tanzen nach jedem Sieg 

Erst kamen die blauen Haare, dann die Adidas-Kampagne mit David Beckham: Ninja und seine Frau entwickelten die Ninja-Marke vor allem auch, indem sie Eigenarbeiten für ihn entwickelten, die ikonischen Charakter hatten.

© MasterClass

„Es ist kein Muss, aber es hilft sehr etwas Ikonisches zu tragen – bei manchen ist es eine coole Sonnenbrille, bei mir ein blaues Kopfband. Plötzlich war es das Ninja-Headband, wir konnten das vermarkten, ich konnte mich damit von allen anderen absetzen. Solche Kleinigkeiten können manchmal sehr viel wichtiger für den Erfolg sein, als man denkt und Streamer sind hier in den letzten Jahren sehr innovativ geworden.“ Da hat Tyler Recht, Dr. Disrespect etwa spielt einen Charakter in seinen Streams und zieht diese Persona wie ein Schauspieler den ganzen Stream über durch, während er eine Perücke, ein spezielles Outfit und eine auffällige Sonnenbrille trägt. Ninja entwickelte zudem einen eigenen Tanz, den PonPon – den führt er noch heute immer auf, wenn er ein Chicken Dinner holt oder einen besonders schwierigen Kill landet. 

„Ich würde immer empfehlen, auch etwas Besonderes für Subscriber zu machen – manche spielen Gitarre, andere springen auf, machen einen kleinen Tanz, Du kannst auch einfach nur „Jo Bro, danke für den Sub“ sagen. Je mehr Du für den Sub machst, desto mehr Abonnenten wirst du bekommen.“ Da Twitch an sich eine eher schlechte Discoverability hat, sprich es schwierig dort ist, als kleiner Streamer gefunden zu werden, sollte man auf jeden Fall Clips von seinem Stream auf TikTok hochladen, den kompletten eventuell sogar auf Youtube und jeden Tag 3 bis 5 Instagram Stories im Minimum hochladen und gerade zu Beginn auf jede Frage antworten. 

Smart sei es, die Meme-Kultur anderer Plattformen wie TikTok für sich zu nutzen, um seine eigene Marke bekannter zu machen. Da Ninja immer mit sehr viel Power in der Stimme und völlig over-the-top auf alles reagierte, wurde er schnell zum Meme-Lord.

© Red Bull

„Engagement ist alles: Wenn deine Community merkt, dass Du Dich für sie interessierst, empfehlen sie sich Dich Freunden, so kannst Du wachsen. Mehrere Social-Media-Plattformen erhöhen zudem Deine Einnahmen drastisch, weil jede für andere Partner spannend ist.“ Und ja, natürlich empfiehlt er das, wofür TikTok geboren wurde: Werde zum Meme, auf das möglichst viele anspringen. Es gibt keine einfachere Art bekannt zu werden im Jahr 2022. 

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