Hollywood zu Gast in Hamburg: Wir alle kennen seine Filme, und es ist faszinierend zu hören, wie ihr diese strukturiert – auf vielen Blättern Papier, damit er Charaktere, Storylines und Höhepunkte beliebig verschieben kann.

Ich versuche mich mit jedem Film ein Stück weit neu zu erfinden. Gerade wenn du schon so lange in diesem Business bist, ist es wichtig, sich nicht einfach in den Regie-Stuhl zu setzen und dein Standard-Programm abzuziehen, sondern dich kreativ zu verausgaben“, erzählt ein mega gut aufgelegter Quentin Tarantino auf dem OMR 2022 Festival in Hamburg. „Wenn ich am Abend im Hotelzimmer sitze und mir der Kopf brummt, weil all diese Ideen, Schnitte, Kameraeinstellungen, Farben und Formen Tango in meinem Kopf tanzen, war es ein guter Drehtag.“ Quentin Tarantino ist ein Unikat: Pulp Fiction, Kill Bill, Django Unchained, Inglourious Basterds, Once Upon A Time in Hollywood. Was diese Filme auszeichnet, ist ihre Einzigartigkeit – keiner von Quentins Filmen gleicht sich. Sie alle sprechen eine andere Bildsprache, haben eine andere Tonalität, eine andere Message. Wo viele Regisseure einen Stil haben, den sie immer wieder anwenden und Filme in Franchises denken, erfindet sich Quentin Tarantino immer wieder neu. Once Upon a Time in Hollywood nutzt mit Brad Pitt und Leonardo Di Caprio die größten Stars unserer Zeit, um ein Drama über das wahre, das weniger glamuröse und oft kalte Hollywood zu erzählen. Eine Filmwelt, die die meisten von uns nicht kennen. 

Sein kreativer Prozess ist dabei eher old-school: „Ich liebe Zettel, vielleicht brauche ich das kreative Chaos. “ Pulp Fiction ist auf um die 500 Blättern Papier entstanden, alles handgeschrieben. Er selbst sagt, dass er den Stift und Papier gegenüber etwa einem Macbook bevorzugt, weil er ständig Sachen unterstreicht, durchstreicht, Notizen macht.  Er mag es, diese Zettel im Raum zu verteilen, um so Zeitlinien zu bilden – hier kommt Charakter A rein, da Charakter B, hier passiert C, was zu späteren Höhepunkten führt. Durchaus verständlich, selbst auf einem iPad kann man zwar gut Anmerkungen machen und Kringel ziehen, aber die Seiten nicht beliebig im Raum ablegen – vielleicht geht das bald mit AR-Brillen, aber er mag es handgeschrieben in der Konzepthase. Erst wenn das Skript steht, wird es digitalisiert. „Ich mache viele Dinge, die etwas eigen sind, aber sie funktionieren für mich. Ich schreibe z. B. komplette Szenen, bei denen ich davon ausgehe, dass ich sie nicht im Film haben werde, aber es macht den Shoot an sich viel einfacher. Weil die Schauspieler sehen: Ah okay, innerhalb dieses Zeitinvervalls ist das und das passiert, darauf muss ich jetzt reagieren.“ 

Der Spiegel bezeichnete Quentin Tarantino kürzlich als Dinosaurier, weil er nicht auf CGI setzt, sondern Analogfilm dreht. Weil er echtes Licht nutzt, echte Kulissen, echte Landschaften. Deshalb wirken Filme wie Django Unchained so echt.

© Columbia Pictures

Ich möchte, dass sich ein Film-Skript wie ein Roman liest, wie Literatur. “ Will heißen: Wo die meisten Skripts nur eine kurze Zusammenfassung enthalten, worauf sich die Schauspieler emotional in der nächsten Szene einlassen müssen, schreibt Quentin Tarantino ein komplettes Dialog-Skript, weil er es seinem Team leichter machen möchte – die Beleuchter, die Setdesigner, die Kamera-Crews, alle wissen dann genau, welche Atmosphäre diese Szene haben soll. Der Look & Feel eines Tarantino-Films ergibt sich dabei auch aus dem Analogfilm. Er mag es zu zeigen, wie sich echtes Licht auf echtem Filmmaterial verhält, statt auf CGI zu setzen. Wie grobkörnig das Filmnegativ ist, etwa in The Hateful Eight. Und manchmal schreibt er etwas, nur um sie Szene zu setzen, dass ist dann so gut, es wird gedreht. Zum Beispiel jene Szene, in der Brad Pitt und Leonardo Di Caprio in Once Upon a Time in Hollywood eine Episode aus FBI schauen, völlig improvisiert Jokes reißen und sich gegenseitig aufstacheln. „Ich liebte die Szene, dachte aber - die schafft es nie in den Film, das würde ja die ganze Dynamik rausnehmen. Fuck it – sie ist heute in den Top 5 der Lieblings-Szenen vieler Zuschauer. Manchmal musst du den Weird Shit machen, das, was kein anderer sich trauen würde. Du musst den Film machen, den es noch nicht gibt, weil du ihn noch nicht gedreht hast.“ 

Du musst den Film machen, den du sehen willst, es aber noch nicht gibt. Weil du ihn noch nicht gedreht hast. “ 

„Ich bin da, wo die Kamera ist, also sehr nah an den Schauspielern. Ich mag diese Energie, finde es wichtig, viel mit ihnen zu reden, zu sehen wie sie Szenen schießen würden. Ich sitze ungerne im Regiestuhl und gucke nur auf meinen Monitor.“

© Time Magazine

Ich bin ein Dickkopf. Es gibt immer Studio Executives, die eine Szene kürzer machen wollen, die Längen rausnehmen wollen, aber die sind es oft die Atmosphäre aufbauen. Die dieses Kribbeln hervorbeschwören. Wenn also jemand zu mir sagt „Okay Quentin, wir machen den Film, aber die, die und die Szene fliegt raus, stattdessen bauen wir dies und jenes rein, weil es gerade im Trend liegt, dann bin meistens ich raus. Ich weiß glaube ich, wie man einen Film schreibt, dreht und schneidet – meinen Film. Natürlich muss er im Kino funktionieren, natürlich muss er den Leuten gefallen, aber ich bin nicht so gut darin, einen Film nach Blaupause zu bauen.“ In Hollywood sind ja eigentlich Writer Rooms üblich, sprich viele Autoren arbeiten an einem Skript, jeweils mit Spezialisierung auf einzelne Szenen und Charaktere. Hinzu gesellen sich mittlerweile sogenannte Skript-Doktoren, die Filme auf Massentauglichkeit hin überprüfen und umschreiben. 

James Bond: No Time To Die war beispielsweise vorher sehr viel mehr klassisch Bond , wurde aber um speziell die weibliche Zielgruppe abzuholen, so umgeschrieben, dass 007 etwa nur Sex mit seiner Freundin hat, keiner anderen Frau. Man engagierte extra Phoebe Waller-Bridge (Fleabag), um die Macho-Attitüde, die James Bond früher hatte, rauszunehmen. Quentin Tarantino tut sich aber nach eigenen Aussagen sehr schwer damit, wenn jemand sein Skript nimmt, umbaut und dann sagt - „so und nicht anders abdrehen“. Das sei nicht sein Ding. „Das hat Konsequenzen, es gab Filme, die habe ich nie gemacht, weil es nicht gepasst hat mit dem Studio. Aber da muss man sich als Kreativer treu bleiben, seiner Vision treu bleiben.“ Seine Art: Er fragt das Filmstudio nach genug Geld, um alle Szenen aus seinem Skript abzudrehen, anschließend setzt man sich zusammen und schaut, was funktioniert, was nicht. Aber er schmeißt auf Wunsch keine einzelnen Szenen raus, bevor sie gedreht wurden, wenn er von ihnen überzeugt ist, dass sie wichtig für den Film sind. Seinen Film, seine Vision. 

Quentin Tarantino ist skeptisch gegenüber Streaming: 

„Netflix gibt dir 100 Millionen, aber sie erwarten dafür keinen guten Film. Das macht mir Sorgen“ 

Tarantino macht sich Sorgen um die Zukunft des Films: „Ich habe nichts gegen Streaming als Technologie, aber die Filme versenden sich. Sie machen nichts mit mir, größtenteils habe ich den Plot am nächsten Morgen vergessen. Was ist da los?“

Quentin Tarantino hat einen faszinierenden Tipp für alle, die Regisseur werden wollen : „Verlasst euch nicht auf irgendeine teure Filmschule, dreht einen Film. Von Anfang bis Ende. Meine Eltern hatten kein Geld, um mich auf eine Filmschule zu schicken, also habe ich drei Jahre lang einen Film geschrieben, geplant, jede einzelne Kameraeinstellung. Er war nicht gut, also überhaupt nicht gut, aber ich habe während dieser drei Jahre das gelernt, was man sonst in einer Filmschule lernen würde. Ich habe viele Fehler gemacht, die dort nicht so schlimm waren – aber verheerend später, wenn du Werke mit Millionen-Dollar-Bugets abliefern musst. Auf den Online-Marketing-Rockstars, der OMR-Conference, äußert er aber auch einige skeptische Worte: „Ich kam in die Branche aus einem Grund, ich wollte kreative Werke schaffen, die etwas in Menschen auslösen.“ 

Das OMR Festival 2022 war ein gigantischer Erfolg: 70.000 Marketing-Experten pilgerten nach Hamburg, um nicht nur die neuesten Trends und Hacks aus dem Online-Marketing zu erlernen, sondern auch solche faszinierenden Panels wie dem zwischen Steven Gätjen,

„Streaming ist dafür schwierig, weil alles Daten-getrieben ist – es gibt zig Charts, Umfragen, Personas, Marktforschung und das alles soll dann Kunst ergeben? Vielleicht sehe ich es falsch, aber aus meiner Warte heraus, schaue ich oft Filme der großen Streamer und denke mir: Hm und jetzt? Die emotionale Punchline kam exakt da, wo ich sie erwartet habe. Das Skript ist die Blaupause eines anderen Films, nichts überrascht mich.  Sie machen nichts mit mir, das ist schade und bedenklich. Netflix gibt Studios 100 Millionen, aber sie erwarten dafür keinen guten Film – das ist nicht gut für die Branche. Und ja, natürlich bin ich hier sehr privilegiert. Ich arbeite nicht mehr, um die Miete zu bezahlen. Aber es ist nie gut, wenn du unendlich viel Geld für einen Film bekommst, aber von dir kein Film erwartet wird, der die Leute umhaut.“

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