Saint’s Row ist zurück als harter Reboot: Neue Charaktere, neues Setting. Weniger Saint’s Row 4 mit Aliens und Superwaffen, viel mehr GTA im Südwesten der USA.

Saint’s Row hat diese riesige, epische Open-World, die wir uns von GTA 6 wünschen: Apaches verwandeln mit ihren Raketen ganze Straßenzüge in Schutt und Asche, VTOL-Kampfjets zischen durch die Lüfte und im Monster-Truck machen wir Monster-Stunts. Oder klauen mal eben via Seilwinde und Saugnapf einen gepanzerten Geldtransporter. Aber es hat auch die irren Stunts Deadpool. Als wäre er Ryan Reynolds kleiner Bruder, kracht DJ Kevin mit seinem Motorrad so an unser Auto, dass er sich überschlägt, geschwind auf den Beifahrersitz schwingt, während seine Ducati im hohen Bogen Richtung Feind schießt.

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Und wenn wir anschließend über ein Parkdeck aufs nächste Dach fliegen, während der erste Wagen hinter uns an der Schwelle zerschellt und in Flammen aufgeht, während wir im Rückwärtsgang das Haus runterkrachen, dann dürfte auch jeder Fan von The Fast & Furious abgeholt werden. Auch in Saint’s Row braucht es keine Physik, sondern nur ganz viel Familie. Mit genügend Familie lassen sich sogar gewisse zerstörbare Elemente umreißen und damit das Auto des Bosses der Los Panteros in zwei Hälften schneiden. 

Saint’s Row ist zurück und das zu einem guten Zeitpunkt: Rockstar Games hat sich auch zur Gamescom nicht bequemt, GTA 6 anzukündigen, all right dann übernehmen eben die Volition Studios das Ruder. Saint’s Row versteht sich nämlich als Reboot, der sehr viel näher an einem GTA oder Mafia dran ist als der letzte Teil. „Sagen wir es so: Im letzten Spiel waren wir der Präsident der Vereinigten Staaten, haben eine Alien-Invasion zurückgeschlagen und geplant, das Universum zu übernehmen. Viel mehr geht nicht, insofern wollten wir eine andere Geschichte erzählen –neues Setting, neue Charaktere, gleicher Saint’s-Row-Vibe“, erzählt uns Chief Creative Officer Jim Boone im Rahmen der exklusiven Weltpremiere.

Es werden also keine Haie mehr aus dem Asphalt springen und Alien-Raumschiffe auftauchen, trotzdem ist hier alles ein wenig mehr over-the-top: Jeder rennt mit Marshall-Raketenwerfern rum, die acht Raketen auf einmal verschießen und mal eben einen ganzen Straßenzug in die Luft sprengen können. Und wir werden in einer Szene 30 Meter durch die Luft geschleudert, landen auf einem Öl-Lastwagen, den wir mit einer Rakete beglücken und die Druckwelle nutzen, um uns auf das Dach einer schwer gesicherten Bank zu katapultieren. Die Leiter zu nutzen, ist ja so 90er. 

Saint’s Row gibt gerade da Gas, wo GTA 5 etwas zu wenig bot: Wir können etwa Distrikte einnehmen und dann entscheiden, welches Business wir dort etablieren wollen - ob Schönheitsklinik, Autohaus oder Waffenhändler.

© Deep Silver

Santo Ileso ist dabei ein bunter Mix aus Arizona, New Mexico, Utah, Nevada und eine gute Portion Kalifornien. Überzeichnet, mit sehr kräftigen Leuchtfarben. Wer Fortnite mag, der wird das feiern. Wobei das Gameplay, was wir während der Presse-Präsentation gesehen haben, deutlich mehr Saint’s Row war, als der Trailer. Weniger knallbunt, weniger Comic-haft. Es gibt eine lange Straße namens Route 66, duellierende Diplodocus-Statuen, bizarre Skulpturen, Golfplätze mit grünen Wiesen treffen auf und staubige Wüsten, alles bunt und sonnenverbrannt. Die Stadt besteht aus neun Bezirken, jeder mit seiner eigenen Persönlichkeit und seinen eigenen Bewohnern: El Dorado ist eine Mischung aus Glanz und Schmutz, mit Neonschildern, die sich vom Nachthimmel abheben. Monte Vista ist im Grunde die Hollywood Hills, die Gated Communities der wohlhabenden Elite und ein Ort für Pools, Partys und Pillen. Der richtige Bezirk, um Drogen zu verkaufen. Und das Rodeo District der Rodeo Drive, mit exklusiven Restaurants und für die Reichen und Schönen. „Unsere Bezirke sind auf Vielfalt ausgelegt. Unser Finanzdistrikt hat zum Beispiel viel Vertikalität, was Sie zu schätzen wissen, wenn Sie mit einem Wingsuit von hohen Wolkenkratzern springen wollen“, erzählt Art Director Frank Marquart. Draußen vor den Toren der Stadt liefern wir uns Viertel-Meilen-Rennen, legen Stunts mit Monster-Trucks hin oder schießen über natürliche Rampen im hügeligen Gebirge, um Fame zu generieren. 

Mobiler Drogenring, Autohändler oder halb-legale Klinik? Saint’s Row gibt da Gas, wo GTA 5 etwas kurz tritt 

Pimp my Ride: Nicht nur können wir Autos hochtunen, sondern auch für das Saints Imperium einen Geschäftszweig mit unterschiedlichen Autohäusern in den einzelnen Distrikten aufbauen. Das bietet GTA nicht im Singleplayer, sondern nur in GTA Online.

© Deep Silver

Was uns richtig gut gefällt : Saints Row gibt da Gas, wo GTA 5 etwas kurzgetreten hat. Wir übernehmen und bauen Geschäfte aus, so wird der Foodtruck zum mobilen Drogenkurier, wir betreiben halb-legale Kliniken für Schönheitsoperationen und “Organspenden“. Cool: Statt wie in Mafia einfach nur Unternehmen zu übernehmen, nehmen wir in Saint’s Row Territorien ein und entscheiden dann, welches Business wir in diesem Distrikt hochziehen wollen. In einer reichen Gegend wie Monte Vista bietet sich ein Autohaus an, die perfekte Fassade um Supercars zu klauen. Schutzgelderpressung geht immer oder wie wäre es mit einem Drogenring durch Eis-Trucks? Oder einer Entsorgungsanlage für radioaktiven Müll des lokalen Atomkraftwerks? Je nachdem wie wir uns entscheiden, werden unterschiedliche Gangs und Organisationen auf uns aufmerksam: Marshall Defense kontrolliert etwa als privates Militärunternehmen den Waffenverkauf. Sollten wir hier aktiv werden, schicken die ihre Söldner. Ihrem Boss Marshall gehört das Commercial District, wo die größten Bürotürme und Banken sind.

Das Setting gefällt uns mit seinem mexikanisch/südamerikanischen Touch richtig gut, weil es eher dörfliche Gegenden, in denen Motorradgangs herrschen mit Villenvierteln kombiniert, die eher in Richtung Los Angeles gehen.

© Deep Silver

Die Skyline von Santo Ileso wird von ihrem ikonischen Gebäude dominiert; wo Geld ist, ist auch Marshall. Und dann sind da noch die Idols, die durch Ruhm und Berühmtheit motiviert sind und sich selbst als Ikonen der neuen Weltordnung sehen. Die Idols sind laut, schrill und visuell überwältigend. Sie stürmen aus allen Richtungen auf uns zu und arbeiten eher mit Masse, statt Klasse. Sie sind selbst ernannte Anarchisten, aber der reichen Art. Die Idols kontrollieren den oberen Teil von Santo Ileso. Sie verbringen ihre Tage damit, in den Hügeln der Villen herumzuhängen, und ihre Nächte damit, chaotische Partys zu veranstalten und in den Straßen für Stress zu sorgen. Und dann gibt’s noch die Los Panteros, eine Motorradgang im Stil von Sons of Anarchy. Sie bevorzugen das Messer, holen aber auch gerne mal den Raketenwerfer raus. Ein dickes Fragezeichen bleibt für uns aber bei den Protagonisten: Das sind Highschool-Kids und Hipster, keine coolen Gangster. Volition sieht sie als die nächste Generation der Saints. 

Spannend wird werden, wie viel von dem Trailer wir letztlich im Spiel erleben werden. Dort bauen wir etwa eine ausgeklügelte Falle, indem wir die feindliche Gang in ein Nadelöhr zwängen und zerstörbare Umgebung für uns nutzen, ein bisschen wie in Criterions Burnout-Serie.

© Deep Silver

Den ultracoolen Johnny Gat und die ultraheiße Shaundi mit einem Hipster-Trio zu ersetzen, ist dann doch riskant. Saint’s Row war immer Sex, Drugs & Rock’n’Roll, jetzt reden die Entwickler davon, dass der eine ein Startup gründen will und die anderen Studienschulden hat. Öhm, okay. 

Der Dritte im Bund ist DJ und Social-Media-geil. Hmm. Wir hoffen sehr, dass Saint’s Row nicht zu sehr in diese woke Richtung von Watch Dogs 2 abdriftet, was auch plötzlich total hipster mit merkwürdigen Emojis wurde. Klar, Ubisoft wollte die Fortnite-Kids für sich gewinnen, aber das kann einer Serie auch sehr viel Charme und Eigenständig rauben. Es ist verständlich, dass Volition Saint’s Row 4 nicht mehr toppen konnte, aber der Reboot wirkt bislang ein bisschen zu bodenständig, zu kindlich. Wobei hier komischerweise ein großer Unterschied zwischen Trailer und Gameplay besteht, was viel mehr nach Saint’s Row aussah, aber auch in der Presse-Präsentation leider relativ kurz war. Generell darf ein Saints Row gerne viel verrückter und durchgeknallter sein, mit abgefahrenen Charakteren und ja eben Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Wird sicherlich ein starker Open-World-Blockbuster, aber Volition sollte jetzt von der Bremse treten und richtig die Sau raus lassen. Bis Februar 2022 bleibt ja noch mächtig viel Zeit.  

Saint’s Row fährt dicke Action auf, mit tunbaren Monster-Trucks in einer sehr stimmigen Open-World. Gewöhnungsbedürftig ist aber der arg bunte Fortnite-Style, der vielleicht nur dem Trailer geschuldet ist. Ein bisschen erwachsener darf ein Saint’s Row schon sein.

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Ersteindruck vom Saint´s-Row-Reboot

Hut ab Deep Silver, perfekter kann man eine Weltpremiere nicht timen: Die Welt wartet sehnsüchtig auf GTA 6, während man sich bei Rockstar Games jeden Morgen mit Geld einreibt, was mit LKWs direkt aus GTA Online rangekarrt wird. Und Saint’s Row könnte genau diese Zielgruppe erreichen, denn es ist nicht mehr so crazy und komplett durchgeknallt wie Saint’s Row 4, wo wir mal im Weißen Haus begonnen und am Ende das ganze Universum unter unsere Kontrolle gebracht haben.

Vielmehr wird das neue Saint’s Row recht ähnlich wie GTA, nur ein kleines bisschen abgedrehter, gerade was sein Missionsdesign angeht. Da dienen Raketenwerfer dann schon mal als Fortbewegungs-mittel. Das Gameplay, was wir gesehen haben, war übrigens deutlich weniger Comic-haft als der Trailer, insofern sollten Fans hier einfach mal abwarten. Etwas Sorgen machen wir uns allerdings ob der schwachen Protagonisten - das sind keine coolen Gangster, sondern Kids mit Fortnite-Humor. Gerade hier muss Volition den Nachbrenner zünden. Richtig gut gefällt uns die ganze strategische Natur: Anders als in GTA, entscheiden wir hier, welches Business in welchem Distrikt entstehen soll und haben so unser Imperium selbst in der Hand. Und natürlich gibt’s auch wieder den guten, alten Versicherungsbetrug –selbst auf die Fahrbahn werfen, so schwer verletzen wie irgend möglich und abkassieren. Im Herzen bleibt Saint’s Row, Saint’s Row.