Andrea und Alexandra Botez spielen Schach mit viel Energie, gerne auch in Party-Laune. Nicht selten laden sie sich auch Anfänger ein, die sie dann coachen – etwa diverse Game-of-Thrones-Darsteller.

Die Sonne brennt in Austin, Texas. Ein Raum in einer Villa ist abgedunkelt, denn nichts soll die Konzentration stören, wenn sich Armeen gegenüber stehen. Bauern werden geopfert, Reiter in Stellung gebracht – oh nein, die Dame ist in Gefahr. Die Hand wandert zur Uhr - Tik-Tak, Tik-Tak. Klack. Ein wackerer Ritter opfert sich für seine Königin, das Ruder dreht sich, die Truppen stoßen über die Flanke und dem Feind genau in den Rücken. Schachmatt.

Schach ist der Trendhit des Jahres 2020 auf Twitch. Alleine in den Monaten zwischen März und Dezember schauten Twitch-Enthusiasten 41 Millionen Stunden Schach. Ja richtig gehört, die wohl intellektuell forderndste Sportart der Welt schickt sich gerade an, Fortnite und Call of Duty Warzone anzugreifen. Schuld daran ist u.a. The Queen’s Gambit, Netflix gigantische Erfolgsshow rund um eine fanatische Schachspielerin, die 2020 die Welt des Streamings eroberte. Aber auch weil sich Stars bilden, die ungewöhnlich spielen – Hikaru Nakamura hat die Mechaniken dieses Spiels derart gut in seinem Kopf verankert, dass er in der Lage ist, sich mit seinen 500.000 Fans auf Twitch zu unterhalten und währenddessen seine Kontrahenten zu schlagen, ohne groß auf den Monitor zu schauen. Er spielt auch gerne mal einfach nur nach Gefühl gegen seine Fans, mit verbundenen Augen. Schach, in früheren Zeiten der Sport des Adels und der Aristokratie war immer schon gut dafür, um seinen Gegenüber bloß zu stellen. Das Spiel, so glauben Historiker heute, wurde im Norden Indiens erfunden – als Strategietraining für heranwachsende Könige, die früh lernen sollten, wie man ein Heer zu führen hat.

„Die weiten, geraden Bewegungen des Turms stehen für den von Pferden gezogenen Streitwagen, von dem aus Bogenschützen die Gegner mit Pfeilen überschütteten. Die Wendigkeit und der mögliche Überraschungseffekt der Reiterei ist durch den eigentümlichen Zug des Springers eingefangen. Der Läufer, dessen Zugweise sich allerdings im heutigen Schach verändert hat, steht für die Kraft der Kampfelefanten“, so erklärt es die Münchner Schachakademie auf ihrer offiziellen Website. Und auch heute ist Schach Big Business: 280.000 US-Dollar hat Nakamura alleine 2020 in Online-Turnieren gewonnen. Große eSports-Organisationen fangen gerade an, substanziell in Schach zu investieren: Envy Gaming hat mit Andrea und Alexandra Botez zwei der besten Schachspielerinnen der Welt unter Vertrag genommen. Alexandra hält den Master-Title in der FIDE, der Fédération Internationale des Échecs, der International Chess Federation. Und Andrea gewann bereits mit 15 ihre erste Weltmeisterschafts-Medaille für das kanadische Team – heute mit 25 lehrt sie etwa Game-of-Thrones-Star Hafthor “The Mountain” Bjornsson, wie man strategisch schnell spielt. Denn auf Twitch wird vor allem Blitz-Chess gespielt, eine schnellere Variante des klassischen Schach, in dem Duelle auch gerne mal fünf Stunden dauern. Im Blitz-Schach hat jeder nur wenige Minuten Zeit zu reagieren, die Zeit rennt gegen uns – nur noch 20 Sekunden, der Zug muss gemacht werden. Das führt zu mehr Risikobereitschaft. Und Risiko heißt Entertainment

Überhaupt dürfte das einer der Gründe für den Aufstieg der Botez-Schwestern auf Twitch sein, die von 70.000 Abonnenten im März 2020 innerhalb nur drei Monaten auf 500.000 gewachsen sind: Sie spielen nicht nur verdammt gut Schach, sondern erklären auch die Magie hinter dem wohl strategisch anspruchsvollsten Brettspiel dieser Erde. Und haben enorm viel Spaß dabei.

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Andrea und Alexandra Botez:  Die nächste Generation von Schachstars sind Entertainer

The Botez Gambit: Schach war der Trend 2020: 41 Millionen geschaute Stunden auf Twitch. Jetzt hat Team Envy die ersten Stars unter Vertrag genommen – Alexandra und Andrea Botez.

© Team Envy


Garry Kasparov ist zwar ein sympathischer Typ, der mittlerweile auf MasterClass lehrt, wie man Schach spielt. Aber nicht der Typ für Twitch. Ganz anders Andrea und Alexandra Botez, die Schach auf eine völlig neue Art spielen – aus Spaß an der Freude, mit lauter Musik im Hintergrund. Die beiden tanzen, während sie spielen. Sie machen Schach cool & trendy, gehören zur neuen Generation, die den Sport aus der Kälte seiner Turniere holt. Feier-Laune statt Queen’s Gambit könnte man sagen, denn die Netflix-Serie behandelt Schach auf fast schon gespenstische Art. Beth Hammons Gehirn denkt in Schachfiguren, sogar bei Nacht sieht sie Schatten als Figuren, die sie mit ihren Fingern bewegt. Es ist eine Show, immer auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn. Die Botez-Schwestern hingegen sehen aus als könnten sie bei Heidi Klum’s American Idol, der US-Variante von Germany’s Next Top Model auf dem Catwalk laufen. Oder als Schauspielerinnen in der nächsten Netflix-Staffel mitspielen. The Queen’s Gambit hat Schach in den Mainstream befördert, entsprechend explodieren die Zuschauerzahlen auf Twitch und Youtube. Ein Trend, den eSports-Organisationen erkannt haben – TSM hat sich gerade mit Hikaru Nakamura den wohl besten Blitz-Schach-Spieler der Welt für ein hohes sechsstelliges Jahres-Gehalt eingekauft und Team Envy diese beiden Ladies unter Vertrag genommen. Und inszeniert sie in ihren Marketing-Trailern auch wie Beth Hammon: 60ies-Style, dieselbe Atmosphäre, ähnliche Outfits und Frisuren. Die gleichen Kamerawinkel, dieselben Schnitte. Shooting-Star Anya Taylor-Joy hat einen Mega-Hype losgetreten und Netflix bereits die zweite Staffel gebucht, nachdem 62 Millionen Menschen die erste Season in nur 28 Tagen geschaut haben.

Eines der größten Openings, das Netflix je feiern konnte. Die Show zeigt, wie riesig Schach auch außerhalb der USA ist, etwa in Indien, UK, Deutschland, Argentinien, Israel und Südamerika. Schließlich steckt gerade die ganze Welt zu Hause fest und sucht nach gut geschrieben Shows. The Queen’s Gambit macht immer das Gegenteil, von dem, was wir erwarten – Schach gilt als elitär, nie zuvor hat das jemand mit einem Hauptcharakter verbunden, der so obsessiv lebt – Alkohol, Drogen, Sex-Orgien: Es ist quasi Emily in Paris transferiert nach Moskau in die Welt des Schach. Und das ist es auch, was Alexandra und Andrea ausmacht: Sie verstehen, wie man Show macht auf Twitch. Sie spielen nicht einfach nur Schach, sondern veranstalten regelrechte Schach-Partys – good vibes only. „Wir haben den Kanal zusammen gestartet und arbeiten noch immer zusammen, weil wir diese Energie brauchen, die wir gegenseitig abstrahlen“, erklärt Alexandra Botez im ersten Video für Team Envy. Ein weiterer Vorteil: Eine kann sich auf das Spiel konzentrieren, die andere etwa über Musik oder Filme sprechen. Es ist ein guter Mix – mal trainieren sie so hart wie Grand Master Magnus Carlsen. Mal reden sie über ihr Liebes-Leben und schauen auf den Tinder-Feed des anderen oder laden andere Youtuber zum Schach spielen ein.

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Die Beiden sind die geborenen Entertainer, wurden von ihrem Erfolg aber durchaus überrascht: „Wir streamen schon lange Schach, plötzlich war es ein Mega-Trend, wir einer der größten Channels und so ist das Ganze quasi über Nacht explodiert“, erinnern sie sich. Dass die Beiden hochgebildet sind, muss man ob des Hobbys wohl nicht mehr erwähnen, Alexandra war die jüngste Präsidentin des Schach-Teams der Elite-Universität Stanford. Mit ihrer Schwester arbeitete sie an einem Social-Media-Startup und gab Gas auf Instagram – seit 2019 basteln sie an ihrer Karriere, die bei so vielen durchaus Zeit brauchte, um ins Rollen zu kommen. Als die Pandemie im Frühjahr 2020 begann und die ersten Lockdowns kamen, hatten die Beiden nach zwei Jahren Streamen so um die 70.000 Fans. Drei Monate später dann 500.000. Ihr Wachstum beschleunigt wurde vor allem auch dadurch, dass sich Pokimane als großer Schach-Fan in ihrer Show zeigte – die sympathische Kanadierin mit marokkanischen Wurzeln gilt als einer der größten Social-Media-Stars überhaupt, weil sie nicht nur auf Youtube 6.42 Millionen Fans hat, sondern auch auf Twitch fünf Millionen Menschen unterhält. Die Drei wurden Freundinnen, so wächst man dann jetzt zusammen und macht viele Shows gemeinsam.

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Und wie sieht’s eigentlich mit der eSports-Frage aus? Wird Schach der nächste große eSports?

280.000 US-Dollar hat TSMs Hikaru Nakamura 2020 in Online-Turnieren gewonnen. Man könnte auch sagen: Schach ist bereits jetzt eSports, wir haben es nur noch nicht realisiert.

© TSM


„Wir sehen Team Envy nicht nur als Gaming-Organisation, sondern wirklich als Medien- und Entertainment-Konzern, das in der gleichen Aufmerksamkeitsökonomie wie Netflix, TV und Sport spielt", erzählte Andrew Peterman, Envy’s Chief Content Officer in einem Interview den Kollegen von Dexerto. „Schach ist zunehmend von offline zu online gewechselt, so dass leicht zu erkennen war, was für eine Rolle es in Zukunft spielen kann. Die Spannung, die Aufregung, die Hingabe, die Leidenschaft all dieser Wettbewerbe, Interaktionen und Spiele sind wirklich erstaunlich - das fühlt sich alles sehr nach eSports an und passt denke ich sehr gut zu uns. In erster Linie haben wir Andrea und Alexandra aber gesigned, weil uns ihr Style unglaublich gut gefällt.“ In der Tat würden die Beiden rein vom Skill-Level sicherlich als eSports-Athleten taugen, müssten dann aber viel mehr Zeit in geheime Trainings investieren und könnten dem Team wohl ein geringeres finanzielles Asset sein. Denn das große Geld wird heutzutage ja mit Content, Merchandise und Licensing verdient – es gibt beispielsweise bereits einen Schach-Bot zu kaufen, der nach den Fähigkeiten von Alexandra von der weltweit führenden Plattform chess.com entwickelt wurde.

Und Hikaru Nakamura hat 2020 im TSM-Trikot 280.000 US-Dollar in Online-Turnieren gewonnen. Scheint, als sei Schach längst ein elektronischer Sport und damit eSports bevor wir es überhaupt bemerkt haben.